Über die Ungerechtigkeit der Chromosomen

9. September 2004, 21:15
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Neulich bei GZ (wie Gute Zeiten) erörterten wir unter anderem die Ungerechtigkeit der Chromosomen. Um den Terrassentisch saßen 4 X-Chromosome und 2 Y-Chromosome, sprich, eine Frau und 2 Männer. Die Chromosomentheorie erklärt, warum Männer sich oft selbst genügen, (weil sie x wie y haben) und warum xx-lastige Frauen ständig wer-weiß-was veranstalten, um wenigstens in Zungenkussnähe zu einem Ypsilon zu kommen. Y-Besitzer machen zu wenig Geschenke und Y-lose Menschen machen sich zu oft zum Narren, so ist die Welt.

Mir fällt da grad' ein, dass Menschen ja eigentlich wie Erdbeeren sind. Wenn sie zu viel Sonne bzw. Zuwendung bekommen, werden sie fad und schnell schimmlig. Deshalb schätze ich an Erdbeeren das Nord-Süd-Gefälle. Eine Erdbeere, die in Schweden heranwächst, hat es schwerer als eine in Spanien. Geduldig harrt sie unter ihrem Blatt auf eine der 25 jährlichen Sonnenstunden Schwedens. Aber sie schmeckt köstlich und matscht nicht gleich zusammen. So ein Nord-Süd-Gefälle gibt es auch bei der Homo-Ehe. Sie entstand in Skandinavien und kam dann nach Deutschland. Skandinavische Hetero-Ehen kennt man von Ibsen und Ingmar Bergman. Erstrebenswerte Zustände waren das nicht. Auch das deutsche Bürgertum hat endlich aufgegeben und vor Jahren die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft eingeführt. Deutsche Heteros interessieren sich seither ausschließlich für Hartz IV, Scheidung, Promiskuität, Jogginghosen und spanische Erdbeeren. Deutsche Schwule hingegen sind die Stützen der Gesellschaft. Man erkennt sie an den hübschen Anzügen von Zegna oder Costume National, am abgeschlossenen Hochschulstudium und an Monogamie. Sie bezahlen Steuern, Opernabonnements und kaufen Kunst. Sie spenden für das Holocaust-Denkmal, geben gesetzte Essen mit schwedischem Erdbeerkuchen und können Händel von Purcell unterscheiden.

Kein deutscher Hetero ist dazu noch im Stande, er hat ja genug mit seiner Hetero-Kleinfamilienneurose zu tun. Schwul sein ist in Deutschland zum Synonym für Gutmenschentum geworden, Politiker werden nur gewählt, wenn sie sich als Schwule outen und in der Zeit stand neulich, Kanzler Schröder erwäge, sich von Frau Doris zu trennen, da er den nächsten Wahlkampf nur mit gleichgeschlechtlichem Lebenspartner gewinnen könne.

Dass nun die Homo-Ehe gemäß des Nord-Süd-Gefälles auch an die Haustür des österreichischen Bürgertums klopft, liegt vermutlich daran, dass auch hier zu Lande dieser knochenharte Job vakant geworden ist. Der Job des verantwortungsbewussten Staatsbürgers, der monogam steuerzahlenden Stütze der Gesellschaft. Ein Job, den niemand so gerne mehr machen mag. Ist ja auch nicht lustig, so Bürger sein, da braucht man sich kein x für ein y vorzumachen. Wenn das jemand freiwillig machen will, muss man eigentlich sehr dankbar sein.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
Zufall@derstandard.at (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.9. 2004)

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