Die Choristen

9. September 2004, 20:44
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Teil 39 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Die Kinder des Monsieur Mathieu. Länge: 95 Min., Sound-Mix: Dolby. Genre: Romanze/ Drama. Verleih: Constantin. Drehbuch: Christophe Barratier. Zum zweiten Mal im Tuchlauben-Kino.

"Mit der Zeit vorbei, aber nie wirklich verloren." Man könnte das Statement in sich verkehren: Verloren, aber nicht wirklich vorbei. Au revoir, les enfants wird nicht überholt, aber dieser Film setzt nicht auf Überholen, er bleibt für sich, an seinem eigenen Rand, die Aussichtslosigkeit der Jungen im Internat für schwer Erziehbare ist gedämpfter, das französische Internatsmilieu ärmlicher als bei Louis Malle.

Diesmal nicht Frankreich 1944, sondern Frankreich 1949. Die Kinder, nicht aus ahnungslosen, reichen Milieus, von den Angehörigen wenigstens zum Tor begleitet, sind in das Inter- nat eingewiesen. Gittertore, Schlüsselbünde, kurze Socken, entschlossene Blicke schon bei den Kleinsten - Engelsmienen oder verzweifelte Fratzen, die Bigotterie der Erwachsenen, die Anarchie ist offener.

Die kahlen Parkbäume hinter dem massiven Tor, mit den Eisenstäben, die Figuren leicht überzeichnet, fast verzerrt, und die Rettung doch anders geglückt und missglückt als in Au revoir, les enfants. Von diesen Kindern soll vorerst keines so rasch wieder gesehen werden, die Abgründe sind verhärteter und in Schienen gezwungen, die Aussichtslosigkeit noch offener, die Bewegungen zugleich starrer und schlenkernder, der Himmel eher dahinter als darüber - seine blanke Unbeteiligtheit hinter Institutsfenstern und Interdiktionen und hoffnungslosen Verläufen.

Unabsehbare Durststrecken, die im letzten Augenblick nur einer durchbricht, Pierre Morhange, der Große mit dem verbockten Engelsgesicht und der Stimme, die den Chor übersteigt, ohne zu jubilieren. Dieser Engel nimmt noch weniger als seine viel kleineren Gefährten die Rolle an, die ihn favorisiert.

"Nichts ist unserem Glück einfach so zuträglich wie die frühen Bilder", heißt es im Programm. Aber im Film bleibt das "einfach" weg. Denn wenig ist "einfach zuträglich", und schon gar nicht "unserem Glück". Dass es doch Augenblicke lang "unser Glück" gibt, oft kurz, ehe das Glück - und schon gar das unsere - wegtaucht, beweisen die Choristen und der Chor in diesem Film. Früher Zorn, Unerfahrenheit, die der Ahnung hilft - und einigen der Kinder. Aber zuletzt doch nicht dem etwas kräftigen, ziemlich kleinen und alternden Musiklehrer Clément Mathieu, der den Funken gezündet hat. Ungebrochen verlässt er das Internat. "Flüchtige Freuden und untröstliche Tränen" bleiben zurück. Und vor allem er selbst. Er ist wieder arbeitslos.

Paul Valéry: "Es geschieht vielleicht, dass man dann und wann das Ausnahmegeschöpf eines Ausnahmemoments dem Leben preisgibt." (DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2004)

  • Artikelbild
    foto: constantin
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