"Goldene 70er" auf Friedhöfen: "I hau die Puff'n eine"

17. September 2004, 15:54
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Wie skurril es auch an heimischen Gräbern zugeht, bleibt den Leuten meist verborgen - Berauschende Zustände und Revolver an der Grube

Wien - "Six Feet Under" - so der Titel der neuen ORF-Serie - sind 1,82 Meter. In Österreich sind für Einzelgräber nur 1,50 Meter und also "4.9 Feet Under" vorgeschrieben. Trotzdem spricht das Personal hinter den Kulissen von "tiefer legen". Wie skurril es gelegentlich auch auf heimischen Friedhöfen zugehen kann, bleibt dem Publikum meist verborgen. Nur in den "Goldenen 60er- und 70er-Jahren", wie sie in der Branche heißen, ging es noch offen anders zu.

Alkohol am Friedhof

Da war der Alkoholkonsum auf manchen Friedhöfen bereits derart verbreitet, dass sommers eines der Kühlfächer stets für Bier und auch härtere Alkoholika reserviert war. Offenbar wurden die Zustände, als einmal ein Friedhofsverwalter ausgerechnet seine eigene Schwiegermutter bestatten musste. "Da sind die Träger schon im Wechselschritt aus der Halle rausgetorkelt", erinnert sich ein Insider. "Wie sie die Treppe runtergeflogen sind, ist der Sarg aufgeplatzt und die Schwiegermutter kugelte raus." Als dann am Grab auch noch zwei Gurte rissen und der (neue) Sarg kopfüber in die Grube stürzte, glaubte die Verwandtschaft endgültig an bösen Vorsatz.

Weib ohne Gesang

Dann wiederum gab es Vorfälle, wo sich zum Wein auch noch Weib ohne Gesang einfand. Ein Sargträger erinnert sich: "An Arrangeur hat's 'geben, den haben's erwischt, wie er si' mitten im Besenkammerl von da Putzfrau den Blautäubling hot würgen lossn." Dieses Arbeitsverhältnis wurde in jeder Hinsicht beendet.

Schreck der Witwen

Dies alles ist jetzt vorbei, seit auf den städtischen Friedhöfen Qualitätskontrolleure unterwegs sind. Auch hupfen morgens nicht mehr Obdachlose zum Schreck der Witwen aus den Gräbern, in denen sie übernachtet hatten - seit die Gruben abgedeckt werden müssen.

Watschentanz

"Die Kunde" aber haben sie nicht immer im Griff. Als einmal eine Tochter auf dem Weg zum Grab der Familie der Schwester zurief: "Es hobt's ja dem Vatern den Ring g'fladert, da war er no net amoi kalt!", hob ein Watschentanz an, der erst von der Polizei beendet werden konnte.

Ein Unterweltler wiederum, der seinen Vater zu Grabe trug, wurde - schwer vom Alkohol gezeichnet - derart sentimental, dass er bei der Aufbahrung einen Revolver zog und rief: "Macht's eam auf, i hau die Puff'n eine, i fang a neues Leben an." Ihm wurde mit der vollen Autorität des Priesters nahe gelegt, vielleicht doch nur "die Puff'n" einer Rose gleich ins Grab nachzuwerfen. (red, DER STANDARD Printausgabe 10.9.2004)

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