Mörder mit Gründen und Zielen

21. September 2004, 19:53
30 Postings

Die Suche nach Ursachen des Terrors ist nicht Appeasement, sondern notwendig - von Eric Frey

In den Monaten nach dem 11. September 2001 galt es in den USA als unpatriotisch, über mögliche Gründe für den Al-Kaida-Terror und den ausgeprägten Hass vieler Araber und Muslime auf Amerika nachzudenken. Tatsächlich machte es angesichts des ausgeprägten nihilistischen Irrationalismus in der Philosophie von Osama Bin Laden wenig Sinn, den Angriff auf das World Trade Center auf die konkrete US-Politik zurückzuführen und durch einen Kurswechsel zu erhoffen, den Terroristen den Wind aus dem Segel zu nehmen.

Viele Politiker und Kommentatoren gehen nun einen Schritt weiter und verwehren sich bei allen Terrorattacken gegen die Erforschung konkreter Ursachen. Nicht rationale Forderungen und Ziele, sondern die Lust am Töten und Getötetwerden stünden hinter den Selbstmordanschlägen von Bali bis Beslan, behauptet David Brooks in der New York Times ebenso wie Tobias Kaufmann und Hans Rauscher im Standard (Seite 31). Der Schluss: Wer allzu viel über die politischen Umstände in Israel, im Irak oder in Tschetschenien spricht, die dem Terror Nahrung geben, der verfällt entweder einer Illusion oder spielt gar den Mördern in die Hände. Dieselbe Botschaft verkünden George Bush und Wladimir Putin.

Sicher gibt es einen "Todeskult": Fundamentalisten aller Religionsrichtungen - und nicht nur im Islam - waren immer schon bereit, für radikale Ideen zu sterben. Das hängt auch mit demografischen Umständen zusammen: Je mehr Kinder geboren werden, desto eher schickt der Staat sie in den Tod. Vor hundert Jahren zog Europa so in den Ersten Weltkrieg.

Auch wenn die heutigen Terroristen den Wert des Lebens missachten, so können sie mit ihren Bluttaten dennoch rationale Strategien verfolgen. Was Osama Bin Laden will, ist schwer zu erfassen. Aber schon die Selbstmordattentäter im Irak haben ein ganz konkretes Ziel im Auge: Die Vertreibung der ausländischen Truppen und die Vernichtung ihrer einheimischen Handlanger. Noch zynisch-berechnender waren die Attentäter von Madrid, die Spaniens Abzug aus dem Irak dank des Wahlausgangs tatsächlich erreichten.

Das Grauen von Beslan war eine Fortsetzung jener Terrortaktik, die tschetschenische Rebellen seit Ausbruch der Kämpfe in ihrer Republik verfolgen. Um die russischen Truppen zu vertreiben, wollen sie den Kaukasus für Moskau unregierbar machen - und aus ihrer Perspektive zählt weder ihr eigenes Leben noch das einiger Hundert Schulkinder.

Auch den Selbstmordattentätern der Hamas geht es weniger um Jungfrauen im Jenseits als um die Vertreibung der Israelis aus den palästinensischen Gebieten - als ersten Schritt zur völligen Zerstörung Israels.

Diese Ziele auszusprechen heißt noch lange nicht, sie gut zu heißen. Ebenso legitim und notwendig ist es, die Umstände zu erforschen, die zu einer Radikalisierung einer Gesellschaft führen, und sich zu überlegen, ob dies durch eigenes Handeln zurückgedrängt werden kann. Die Terrorchefs lassen sich kaum überzeugen, aber der Zulauf, den sie genießen, wird auch von äußeren Faktoren beeinflusst.

Putin hat die Kinder von Beslan nicht getötet, aber ohne seine brutale Tschetschenien-Politik wären nicht so viele Männer und Frauen zum Morden bereit. Die Popularität der Hamas und ihre Rekrutierungserfolge hängen sehr wohl mit Israels Besatzungspolitik zusammen. Der Terror im Irak ist Folge eines unnötigen Krieges und einer verpfuschten Nachkriegspolitik.

Schon Mao wusste, dass sich seine Guerillas wie Fische im Wasser bewegen müssen. Den Fischen das Wasser abzugraben - also einen Keil zwischen Terroristen und Bevölkerung zu treiben - ist Aufgabe der islamischen Welt genauso wie des Westens. Die Analyse der Terrorursachen und die Suche nach Auswegen sind kein Appeasement, sondern ein entscheidender Beitrag zur Terrorbekämpfung. Wer den Feind zum irrationalen Monster erklärt und jede Debatte abwürgt, hat den Kampf bereits aufgegeben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.9.2004)

Share if you care.