Auslandsmedien: Protektionismus feiert fröhliche Urständ'

19. September 2004, 19:11
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Staatliche Einflussnahme im Übernahmepoker stößt bei Kommentatoren auf herbe Kritik - Regierung im Zwiespalt: Privatisieren, aber Eigentümerrolle nicht hergeben wollen

Wien - Wenig schmeichelhaft fallen die heutigen Pressekommentare in großen internationalen Zeitungen zu den Turbulenzen im nun abgesagten Übernahmepoker um den teilstaatlichen Linzer Großkonzern VA Tech aus. Angeprangert und kritisiert wird vor allem die massive politische Einflussnahme. Die "Financial Times" (FT) sieht die österreichische Bundesregierung im Zwiespalt: Die wolle zwar privatisieren, die Eigentümerrolle des Staates aber nicht hergeben.

Das deutsche "Handelsblatt" kommentiert: "Die Geschichten aus Wien sind umso Besorgnis erregender, als sie offenbar im europäischen Trend liegen. Immer öfter greifen Politiker ein, wenn sie Arbeitsplätze oder gar Vorzeigeunternehmen in ihrer Unabhängigkeit gefährdet sehen - meistens allerdings etwas eleganter als die Österreicher."

"Nationale Reflexe"

Ähnlich argumentiert die "Süddeutsche Zeitung". Unter dem viel sagenden Titel "Nationale Reflexe" heißt es in ihrem Kommentar: "Sehr wahrscheinlich hätte der Einstieg von Siemens bei VA Tech zu einem Stellenabbau geführt. Trotzdem ist die Abwehrhaltung gegenüber dem deutschen Unternehmen, das heute schon der größte private industrielle Arbeitgeber in Österreich ist, nur bedingt nachzuvollziehen. Ökonomisch ist die Position unsinnig; sie wird sich irgendwann für die Österreicher rächen. Die Abfuhr aus Wien ist kein gutes Zeichen für die moderne Europäische Union. Wirtschaftspolitische Theorie und reale Politik liegen in Europa noch immer weit auseinander."

Das "Handelsblatt" schreibt weiter: "Der Protektionismus feiert in Europa fröhliche Urstände, verbrämt als Industriepolitik. Politiker ignorieren aus vermeintlichem Patriotismus, dass sie damit keine Arbeitsplätze sichern, sondern nur überkommene Strukturen zementieren."

Die "Financial Times" kommentiert angesichts der jüngsten Vorgänge um die VA Tech: "Das Problem ist, dass Österreich zu begierig ist, Geld über Privatisierungen aufzutreiben, gleichzeitig aber die reale Eigentümerschaft nicht übergeben möchte." Und: "Die Deutschen und Schweizer sollten über diese Reaktion (der Regierung, Anm.) nicht allzu überrascht sein. Die Italiener haben diese Lektion schon vor langer Zeit gelernt."(APA)

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