Der Kult des Todes

21. September 2004, 19:53
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Der Anschlag in Beslan hat wenig mit der "Befreiung" Tschetscheniens zu tun - Kolumne von Hans Rauscher

Was wollten die Kindermörder von Beslan? Mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts anderes als das: Kinder ermorden und dann selbst sterben. Das internationale Rätseln um die Motive der Geiselnehmer und ihre monströse Grausamkeit nähert sich rasch einer möglichen Wahrheit, die für westliche Hirne nicht leicht zu begreifen ist: Diese Terroristen hatten in Wahrheit gar keine konkreten Forderungen, keinen Plan, keine noch so schreckliche Erpressungsabsicht. Sie wollten einfach Töten und Sterben.

Sie handelten offenbar in der Tradition des Begründers der "Muslimbruderschaft", Hassan al-Banna, der im Ägypten der Dreißigerjahre den radikalen Islam das intellektuelle Unterfutter lieferte. In einem berühmt gewordenen Text mit dem Titel "Die Todesindustrie" schreibt Al-Banna, der Koran habe es den Gläubigen aufgegeben, "den Tod mehr zu lieben als das Leben. Bereite dich also darauf vor, eine große Tat zu vollbringen ... Wenn du erpicht bist zu sterben, wird es dir gewährt sein zu leben, wenn du dich auf einen edlen Tod vorbereitest, wirst du vollständiges Glück erlangen." Siegen könne nur, wer es in "der Kunst des Todes" zur Meisterschaft bringe.

Das Echo dieses Todeskults ist in vielen Bekenneräußerungen der islamistischen Terroristen zu hören, z.B. in dem Video, das‑ Al-Kaida nach dem Madrider Anschlag veröffentlichte: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod, was ein Beispiel für das gibt, was der Prophet Mohammed gesagt hat."

Der Verdacht drängt sich auf, dass dies alles weniger mit der "Befreiung" Tschetscheniens oder des arabischen Raumes von den "Kreuzfahrern" (Osama Bin Laden) zu tun hat als mit einer spirituellen Überhöhung des Tötens und Sterbens. Mit einem Kult des Todes.

Das verheißt nichts Gutes für den weltweiten "Krieg gegen den Terror", den George Bush nach dem 11. September 2001 ausgerufen hat, und dem sich Sharon und jetzt Putin mit markigen Erklärungen angeschlossen haben. Russland werde "die Terroristen weltweit jagen", sogar mit Präventivschlägen, aber freundlicherweise nicht mit Nuklearwaffen, sagte der russische Generalstabschef. So ähnlich hat das vor ihm schon Bush gesagt und Sharon sagt es pausenlos. Ergebnis: Bin Laden ist auf freiem Fuß und das amerikanische Militär musste soeben zugeben, dass der Großteil des Zentralirak nicht unter Kontrolle ist.

Dazu jeden Tag ein paar Autobomben. Putin kann seine inkompetenten Brutalinskis noch so sehr in der ganzen Welt herumschicken, Bush kann jetzt auch noch den Iran angreifen, aber das wird die Leute, die ihre Götterdämmerung über den Leibern von zitternden Kindern zelebrieren, nicht sonderlich beeindrucken.

Das heißt nicht, militärisches oder geheimdienstliches Vorgehen sei immer falsch oder überflüssig. Aber es genügt nicht. Die Kultisten des Todes sind meist nicht ansprechbar – obwohl es in Beslan angeblich Streit unter den Geiselnehmern gab, ob man wirklich so grausam vorgehen sollte. Aber der Ansatzpunkt liegt in den Gesellschaften, die einen solchen Kult des Todes produzieren und zum Teil bewundern.

Sie müssen sich aus eigener Erkenntnis von fundamentalistischen Irrwegen lösen, was in ganz schwachen Ansätzen schon spürbar ist. Ebenso viel oder mehr Intelligenz, Geld und Energie wie in militärische Lösungen müssten in Überlegungen investiert werden, wie man den schwachen Stimmen der Reform in der arabisch-muslimischen Welt helfen könnte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10.9.2004)

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