Internet-Auktionen

16. September 2004, 13:17
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++PRO & Contra --: Sie wackeln mit Mohrrüben vor unseren Nasen und bringen uns dahin, im Munde schäumenden, pfützdicken Speichel abzusondern

+++Pro
Von Leo Szemeliker

Ich hätte so etwas künftig gerne vor jedem Laden aus Stein und Mörtel. Nämlich eine detaillierte Liste der Kommentare von Kunden, die dort gekauft haben. Von "Geiles Geschäft! Der Verkäufer in der Herrenabteilung ist ja so fesch wie unser Finanzminister! Oder ist das gar . . . ?" bis "Super Ware! Danke, liebe Indonesierinnen, dass Ihr lieber in Textilfabriken als auf Bananenplantagen schuftet!" Damit ich weiß, was mich erwartet. Denn was bringt das Herumfingern an der Ware? Ertasten meine Laienfinger, ob sich das Teil schon nach dem ersten Waschen zerlegt oder erst nach dem elften? Nein.

Was zählt, ist die Erfahrung der großen Zahl. Die Bewertungen beispielsweise bei Ebay sagen mir alles über die Mitspieler, Käufer wie Verkäufer. Wird auch nur ein negativer Eintrag angezeigt, so suche ich ihn, lese nach, auch wenn er auf Seite 37 der Bewertungen versteckt ist. Ein Fehler ist zu verzeihen. Aber ab circa zwei roten Quoten werde ich misstrauisch und vermute ein System - oder zumindest systematischen Schlamp. Mit höheren Quoten kann man einpacken, bei ihm kaufe ich nichts und lasse mir auch nichts abkaufen.

Im Netz traue ich mich zu den Halsabschneidern auch viel härter zu sein als in real life. Haben Sie schon einmal zu einem Kaufmann gesagt, dessen Inkompetenz nur durch seine Unfreundlichkeit getoppt wird: "Du Soziopath, krieg dein Leben in den Griff, bevor du mit der Öffentlichkeit Geschäfte machst!" Ich im Netz unlängst schon. Auf spanisch. Grammatikalisch war's eine Katastrophe, vom Einkaufserlebnis her unbezahlbar.

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---Contra
von Ronald Pohl

Das Vorhandensein von Auktionshäusern im Internet belegt das Bedürfnis der Menschen, sich gewisser Gegenstände zu bemächtigen, von denen geglaubt wird, dass die gewöhnliche Konsumwelt sie für denjenigen, der sie diffus begehrt, nicht ohne weiteres bereithält.

Das erinnert an einen Küchenchef, der dem ausgehungerten Sträfling, der in gestreifter Anstaltskleidung vor dem damastenen Tischtuch Platz nimmt, Wachtelbrüstchen serviert: "Voilà!" Es kann sehr leicht sein, dass besagter Sträfling, von unersättlicher Gier getrieben, an der gereichten Delikatesse sogar Geschmack findet und sich von nun an unablässig einredet, er begehre sie.

Er wird, nachdem man ihn wiederum in Ketten gelegt hat, bei der Anstaltsleitung höflich um Vergünstigungen einkommen - kann sein, dass in seinem Katalog von Wünschen auch das oben genannte Wachtelbrüstchen aufscheint. Aber wird man dem beherzten Manne nicht zurufen wollen: Lass ab von diesem Ausdruck der Verwilderung deiner Wünsche? Wird man ihm nicht vielmehr zur Mäßigung raten: zu echt menschlicher Vertiefung seines Wollens, zur Preisgabe seiner närrischen Grillen?

So verhält es sich auch mit den Auktionsforen, unter denen sich gewiss manch honoriges Unternehmen, manch blühende Bastion des Handels und Wandels finden lässt: Sie wackeln mit Mohrrüben vor den Nasen von uns lebenslangen Delinquenten herum und bringen uns dahin, im Munde schäumenden, pfützdicken Speichel abzusondern. Das lassen wir lieber sein. (Der Standard/rondo/10/09/2004)

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