"Wie China vor der Kulturrevolution"

17. September 2004, 12:10
posten

Der ehemalige Landesschulratspräsident der Steiermark, Bernd Schilcher, predigt seit Jahrzehnten ein Schulwesen, das gänzlich von parteipolitischen Packeleien befreit ist

STANDARD: Halten Sie die vor zwei Jahren eingeführten Assessmentcenter für ausreichend, um das Auswahlverfahren für Schulleiter zu objektivieren?

Schilcher: Das Assessmentcenter schließt nicht aus, dass die Entscheidung parteipolitisch gefällt wird. Denn die Entscheidung fällt ja letztlich im Bezirksschulrat, im Landesschulrat und dann in der Landesregierung, die alle parteipolitisch besetzt sind. Das ist von der Verfassung so vorgegeben und mittlerweile weltweit einzigartig. Wir sind das einzige Land, in dem von der Verfassung abgesegnet gepackelt wird.

STANDARD: Sie setzten sich seit mittlerweile Jahrzehnten relativ erfolglos für eine Schulpolitik ein, die frei von Parteipolitik ist, zuletzt im Österreich-Konvent. Warum hängt man so sehr an diesem System?

Schilcher: Dass man Schulleiter unbedingt parteipolitisch besetzen muss, ist ohnehin pervers. Es gibt nämlich kein zweites Land, in dem Schuldirektoren so wenig zu reden haben wie in Österreich. Sie dürfen sich nicht einmal ihre Mitarbeiter selbst aussuchen, was in jedem anderen Betrieb undenkbar wäre. Dafür gibt es uralte Listen mit Kandidaten, die sich irgendwann beworben haben. Bis eine Schule dann einen Lehrer kriegt, dauert es bis zu zwei Monate - das ist ja wie in China vor der Kulturrevolution. Und hinter den Kulissen wird um Leiterstellen und Inspektorenposten geschachert.

STANDARD: Ihre Partei ist aber auch nicht generell für eine Abschaffung des Proporzes.

Schilcher: Während die Roten generell sagen, das Schulwesen soll eine politische Angelegenheit bleiben, ist die ÖVP da gespalten. Salzburg, Niederösterreich und Tirol sind eher dafür, wir in der Steiermark, die Oberösterreicher und Wiener eher dagegen.

STANDARD: Was halten Sie vom Vorschlag der steirischen Grünen, die parteipolitischen Kollegien durch unpolitische Gremien zu ersetzen, wo Lehrer und Eltern das Sagen haben? Schilcher: Das kann man natürlich alles machen, da bin ich sehr dafür. Sinnvoll wäre es, die Schulen so selbstständig wie möglich entscheiden zu lassen. Statt des riesigen Beamtenapparats würde eine Strategiebehörde genügen.

ZUR PERSON: Bernd Schilcher (64) war bis 2001 Vorstand des Instituts für Bürgerliches Recht an der Uni Graz; von 1983 bis 1989 Klubobmann der Landes-VP und 1989 bis Juni 1996 steiri- scher Landesschulratspräsi- dent
Share if you care.