Steirische Farbenlehre mit Augenzwinkern

17. September 2004, 12:10
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In der Steiermark hat der Proporz einen Stammplatz im System. Nicht nur in der Regierung, auch im Schulwesen. Auch professionelle Auswahlverfahren für Direktoren können der Parteipolitik wenig anhaben

Graz - Demonstrationen gehören in der oststeirischen Stadt Gleisdorf mit ihren 5300 Einwohnern nicht gerade zum Alltag. Doch Ende Juni gingen ebendort Lehrer und Eltern auf die Straße, weil sie Gerechtigkeit für die interimistische Volksschuldirektorin Christa Leiner forderten. Die 50-jährige Pädagogin hatte im Dezember die Leitung der Volksschule Flöcking bei Gleisdorf (Bezirk Weiz) von ihrem Chef, der in Pension gegangen war, übernommen. 18 Jahre hatte Leiner unterrichtet und in Flöcking neue Lernformen und die verbale Beurteilung eingeführt.

Im April dieses Jahres stellte sich die erfahrene Lehrerin dann dem zweimal jährlich stattfindenden Assessmentcenter, weil sie sich als fixe Direktorin "ihrer" Volksschule bewerben wollte.

Das Assessmentverfahren war Teil eines Modells der steirischen Grünen zur Beseitigung des Proporzsystems im Schulwesen. Auch die steirische VP-Schullandesrätin Kristina Edlinger-Ploder ist überzeugt, dass die Aufteilung der Schullandschaft in parteipolitische Einflusssphären "im Grunde nichts mehr bringt". Es sei "hinter den Kulissen" in den letzten Jahren eine weit gehende Umstellung des Systems gelungen. Nicht perfekt, aber substanziell objektiver als früher, so Edlinger zum STANDARD.

"Das Problem ist", so die Bildungssprecherin der steirischen Grünen, Ingrid Lechner-Sonnek, "dass nur der erste Teil unseres Modells praktiziert wird." Denn nachdem die Kandidaten das Assessmentcenter (AC) erfolgreich absolviert haben, entscheidet letztlich ein parteipolitisch besetztes Kollegium darüber, wer eine Stelle an einer bestimmten Schule bekommt.

So auch im Fall von Flöcking: Als Christa Leiner mit einem astreinen Sehr gut im AC beurteilt wurde und von der Personalvertretung des Bezirks Weiz an erste Stelle gereiht wurde, fuhr sie guter Dinge auf Schullandwoche. "Als ich zurückgekommen bin, war ich sehr erstaunt", erzählt die Lehrerin, "Das Kollegium des Bezirksschulrates hatte einstimmig für einen jungen Lehrer mit weniger Berufserfahrung entschieden." Der 32-Jährige ist seit ersten September Leiners Chef.

Edlinger-Ploder glaubt an die Objektivierung der Direktorenbestellung, die durch die festgelegten Abläufe (vom Hearing bis zum Amtsvorschlag) streng reglementiert ist. Parteipolitisches Augenzwinkern soll damit weit gehend abgestellt werden. Doch Leiner, die vor Jahren aus der VP ausgetreten ist, ist davon überzeugt, dass sich schwarze und kirchliche Kreise für ihren Mitbewerber eingesetzt haben. Letzterer wollte gegenüber dem STANDARD keine Stellungnahme dazu abgeben und verwies lediglich auf sein - ebenfalls sehr gutes - Ergebnis im AC. Leiner sprach am Dienstag bei der Grazer Gleichbehandlungsanwältin vor: "Ich erhebe Einspruch. Es geht um Gerechtigkeit!"

Lechner-Sonnek bekommt regelmäßig Post von Eltern, die ob parteipolitischen Postenschachers empört sind. Edlinger-Ploder weiß nur von fünf Schulen, die Ärger gemacht hätten: "Da musste ich mich auch über meine eigene Klientel hinwegsetzen." In der Obersteiermark habe ein ÖVP-Bürgermeister Terror gemacht, weil kein VP-Kandidat zum Zug kam. Etliche Schulen hätten aber auch "ohne Probleme die Farbe gewechselt". (Walter Müller,Colette M. Schmidt/DER STANDARD-Printausgabe,09.09.2004)

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