Timbuktu sehen

21. Juli 2005, 10:29
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Wo in der Trockenzeit das Vieh weidet, ist jetzt ein See. Ein See, der ein Fluss ist

Auf dem Niger nach Timbuktu reiste Michael Obert.


Die Schiffsschrauben stehen still, der Atem bildet kleine Wolken, im Osten kündigt ein violetter Streifen den Tag an. Vom Bett des Niger keine Spur. Die "Tombouctou" liegt in einem von einzelnen Wasserflächen durchbrochenen Teppich aus Schwimmgras, der bis an den Horizont reicht. "Der Kapitän hat sich in der Dunkelheit verirrt", sagt Alidji Taoudina, ein hagerer Mann in ockerfarbenem Boubou und Ledersandalen. "Er hat das Schiff über Nacht geparkt. Jetzt sucht er die Fahrrinne."

Alidji, der Französischlehrer, hat eine Schulung in der malischen Hauptstadt Bamako besucht und ist auf der Heimreise nach Timbuktu. Als die Sonne aufgeht, wickelt er seinen weißen Turban um den Kopf, die Maschinen springen an, und das Linienschiff der nationalen Nigerflotte tastet sich rückwärts durch das Gestrüpp. "Die Ufer sind nicht die Ufer", berichtigt Alidji. "Alles Bourgougras. In der Trockenzeit weidet dort das Vieh, jetzt die Karpfen."

Die "Tombouctou" braucht den ganzen Tag, um diese ungeheure Wasserfläche mitten im Sahel zu überqueren. Alidji reist als einziger Afrikaner auf dem Oberdeck, erster Klasse, mit einem Dutzend Europäer. Drei Tage lang ist die "Tombouctou" seit ihrer Abfahrt in Koulikoro, dem Hafen von Bamako, unterwegs, immer stromabwärts, den Niger hinunter, hat Segu und Mopti passiert, doch Timbuktu ist noch weit; wie weit, das hängt von den Launen des Flusses ab. Ein Fahrplan existiert nur auf dem Papier. Wenn alles glatt läuft, dauert die Reise fünf Tage.

Frühstück im kleinen Speisesaal. Die Stimmung ist gut. Die Tage auf dem drittgrößten Strom Afrikas wirken entspannend. Nichts tun, außer zu treiben. Nur das französische Ehepaar starrt schweigend vor sich hin und schmiert ölige Butter auf gummiweiche Baguettes. Dann knallt er, ein ordentlich frisierter Mann in blau-weiß geringeltem Seemannshemd, aus heiterem Himmel das Besteck auf den Tisch. Seine leichenblasse Frau zuckt zusammen. Kaffee schwappt aus den Tassen. "Mais merde!", schreit der Franzose und bläst die Backen auf. "In den Kabinen ist es heiß und eng. Gut! Ameisen, Kakerlaken. Gut! Die Scheißhäuser stinken zum Himmel. Gut! Aber wer wollte denn nach Mali? Wer wollte denn diese Schiffsreise ma-chen? Wer? Wer? Wer?" Die Französin schweigt. Die ganze Reise über schweigt sie.

So schlimm sind die Kabinen gar nicht. Die Laken sind zerknittert, aber sauber. Der Ventilator funktioniert hin und wieder. Am Waschbecken fehlen die Anschlüsse, doch es eignet sich hervorragend als Obstschale. Das untere Bett teilen sich Alidji und seine Frau. Im engen Gang stapeln sich die Einkäufe des Lehrers: Kalebassen, Plastikstühle, Getreidesiebe, Grasbesen, ein Großbildfernseher. Was bleibt, ist für den anderen Bewohner der Kabine, den Weißen: das obere Bett, ein Pressspanschrank ohne Tür, die Kletterpartie zum Ausgang. "Ein afrikanisches Schiff", sagt Alidji und zuckt die Schultern.

Auf den unteren Decks leuchtet seine Bemerkung schnell ein. Dort reihen sich höhlenartige Kabinen aneinander, voller dreistöckiger Etagenbetten, in denen mehrere Leute gleichzeitig schlafen. "Es gibt eigentlich nur zwei Klassen an Bord. Oben ist die erste und hier unten die dritte Klasse. Insgesamt sind sechshundert Menschen an Bord. Zwei Prozent reisen erster Klasse", meint Alidji. Draußen auf dem Debo-See nisten einzelne Lager der Bozo-Fischer auf winzigen Inseln, die an schwerfällige Floße erinnern, mit eigenen Schattenbäumen und Hütten und zahlreichen Pirogen im Schlepptau - archaisch und endzeitlich zugleich. Die "Tombouctou" stampft gegen die Wellen, während der See sich wie ein Ozean ausbreitet und unter schwimmende Gräser schiebt, als wolle er sich vor der Hitze schützen. Am Horizont scheinen Pinassen unter geblähten Segeln über sattgrünes Land zu fahren, einer Fata Morgana gleich. Tatsächlich wirken die Wassermengen fast absurd, bedrängt von diesem Staub, diesem Sand, dieser Dürre.

Sie verdanken ihre Existenz der jährlichen Hochwasserwelle, die aus den tropischen Quellregionen des Niger in Guinea kommt. Hier im Binnendelta überschwemmt die Woge Ebenen von der Größe der Schweiz, verwandelt staubiges Land in eine gigantische Brunnenlandschaft, deren Becken durch schmale Überlaufschwellen miteinander in Verbindung stehen und zeitlich verzögert ihren höchsten Wasserstand erreichen.

Wenn der Niger weiterzieht, fließen die Seen allmählich wieder ab, versickern, verdunsten und hinterlassen saftige Weiden und fruchtbaren Schlamm, den die Bauern als ertragreichen Ackerboden nutzen. Die Nigerwoge steuert dieses geniale Überlaufprinzip wie eine riesige Naturpumpe. Die "Tombouctou" fährt also nicht über einen gewöhnlichen See hinweg; es sind die Sommerregen Guineas, die das Schiff durch den Sahel tragen, mitten in der Trockenzeit, viele Monate, nachdem diese Regen gefallen sind, und fast zweitausend Kilometer stromabwärts.

Mit dem nächsten Tag kommt die nächste Hitze - nach einer bitterkalten Nacht. Der Niger hat wieder in sein Bett gefunden. Am Ufer werden die Gräser mit jeder Biegung niedriger, die Baobabs seltener. Die letzten Schattenbäume weichen einer durstigen Dornensavanne und schließlich der Sahara. Akazien bestimmen das Bild. Termitenhügel wie Türme von Gaudí. Glühende Sanddünen in bernsteinfarbenem Licht.

Aus irgendeinem Grund kann das Schiff am Kai von Korioumé, dem Hafen von Timbuktu, nicht anlegen. Die Passagiere müssen durch den Fluss hinüberwaten, und als sie das Ufer schon fast erreicht haben, applaudieren die Marktfrauen auf der "Tombouctou" plötzlich lautstark. Der Blick über die Schulter überrascht. Der Franzose trägt seine Frau auf Händen über den Fluss. Sie strahlt und sieht plötzlich sehr jung aus. Und dann spricht sie zum ersten Mal in all den Tagen. "Timbuktu!", sagt sie mit weicher Stimme. "Ich kann es kaum glauben! Wir werden Timbuktu sehen!" (Der Standard/rondo/10/9/2004)

Info

Regenzauber - Auf dem Fluss der Götter, Michael Oberts literarischer Reisebericht über eine siebenmonatige Passage von der Quelle bis zur Mündung des Niger, Droemer Verlag 2004, 23,60 Euro; www.regenzauber.de. Bei einer Lesereise wird der Autor auch in Österreich sein: am 19. 10., 19 Uhr in Wien, Afro-Asiatisches Institut, Türkenstr. 3, am 20. 10., 19.30 Uhr in Salzburg, Afro-Asiatisches Inst., Wiener-Philharmoniker-G. 2, am 21. 10., 20 Uhr in Graz, Afro-Asiatisches Inst., Leechg. 22 und am 22. / 23. 10. bei El Mundo 2004, 6. Abenteuer- und Reisediafestival, Festhalle Judenburg, Kaserng. 20.
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    Am Niger

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