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Die Elefanten kommen pünktlich im Morgengrauen, serviert auf einem Tablett - was durchaus wörtlich zu nehmen ist. Braun wie Rohrzucker liegen sie da. Die weichen Rüssel leicht bröselig, und immer kommen sie zu dritt. Da ist Herr Joseph genau.
Exakt abgezählt sind auch die Elefantenkekse, die täglich um fünf Uhr zum Bed-Coffee serviert werden - eine erfreuliche Einrichtung, besonders für passionierte Kaffeetrinker, die eine exzentrische Reiselaune oder aber der übermäßige Konsum von süchtig machenden Filmen wie "African Queen" ins schwer zugängliche Elefantenkekse-Revier verschlagen hat.
Zwei Dinge sollte man wissen
Um diesen Service auch gebührend zu schätzen, muss man freilich zweierlei wissen: erstens, dass einem ostafrikanischen Morgen ohne Josephs Rüssel-Backwerk das bewusste I-Tüpfelchen fehlt. Und zweitens, dass man ohne Menschen wie ihn, und vor allem ohne Einrichtungen wie das dazu gehörige Selous Safari Camp, weder süße Elefantenrüssel in seinen Morgenkaffee tunken, noch die berührende Einsamkeit der umliegenden Wildnis erleben würde. Oder sie zumindest nicht überleben.
Afrikas größtes Wildreservat, das Selous Game Reserve, ist nämlich keine Gegend, in der man so einfach zum Frühstück vorbeischneit. Wir sprechen vom Süden Tansanias, an sich ja schon keine besonders überbevölkerte oder sonst wie vom Globalisierungsstrudel erfasste Region, wofür nicht zuletzt auch ziemlich viele und ziemlich wilde Tiere verantwortlich sind. Die auf den ersten Blick hin mickrige Tsetse-Fliege etwa zählt zu den allergefährlichsten - so sehen das die nur am Rande des Selous-Gebiets lebenden Stämme der Yao oder Machinda - Naturburschen und -mädchen, denen man in der Regel keinen übertriebenen Sicherheitswahn nachsagen kann. Um die riesigen Miombo-Trockenwälder, die sich hier bis ans angrenzende Mosambik ausbreiten, und die auch drei Viertel des Selous-Reviers bedecken, machten sie trotzdem seit jeher einen Umweg, verfluchten dabei die tödliche Seuche, die ihre Rinder aus diesem Land mitbrachten.
Unbesiedelte Wildlife-Insel
Die von der Tsetse-Fliege übertragene Schlafkrankheit verschonte zwar die hier lebenden Wildtiere, drückte dem Landstrich aber bis heute seinen Stempel auf - und sorgt dafür, dass sich in Afrikas Osten eine wenig bekannte, praktisch unbesiedelte Wildlife-Insel von der ungefähren Ausdehnung Österreichs erhalten konnte.
Die Karawanen der Sklaven- und Elfenbeinhändler sparten den Selous lieber aus. Ein paar britische Forschungsreisende wie Burton und Speke ließen sich blicken, später die Soldaten der deutschen Ostafrika-Kolonien, die mit bereits 1905 gegründeten Tierreservaten den Kern zum heutigen Schutzgebiet legten. Dafür fiel Captain Frederick Courtney Selous, eine Art britischer "Buffalo Bill", der sich als Jäger und Naturschützer einen Namen gemacht hatte, den Deutschen zum Opfer.
Ungezähmt blieb die Gegend auch nach 1982, als die Unesco das nach dem Briten benannte Selous Game Reserve zum Weltkulturerbe erklärt hatte. Afrikas größte Elefantenpopulation, 440 Vogelarten, riesige Bestände an Flusspferden, Krokodilen und gewaltige Büffelherden - kurz: eine ungewöhnlich hohe Konzentration an Großwild - lieferten dazu ausreichend Argumente. Bloß stinkende Minibus-Herden im kollektiven Zebra-Lack waren dabei nicht vorgesehen. Eher schon sollte die Region jener rare Wildnis-Geheimtipp bleiben, den heute pro Jahr gerade einmal 5000 Afrika-Kenner besuchen.
Tansania-Sambia-Railway
Wobei das Abenteuer in der Regel schon mit der Anreise beginnt. Im Norden knattert die Ta-Sa-Ra-Eisenbahn vorbei, wie die Tansania-Sambia-Railway vor Ort heißt. Dass Kisaki, der Aussteigebahnhof auf dem Weg ins Selous, zugleich die erste Station des Expresszuges von Dar es Salaam nach Sambia darstellt, beschert Reisenden in dieser Richtung einen nicht zu unterschätzenden taktischen Vorteil.
Denn dann sind die eben gestarteten Züge noch frisch und liegen gut im Fahrplan. Bei den aus Inner-Afrika kommenden Garnituren, die oft schon tagelang unterwegs sind, ist das längst nicht mehr der Fall. Wartezeiten bis zwanzig Stunden sind dann keine Seltenheit. Doch es herrschen eben andere Maßstäbe rund um das - nach Kanadas Buffalo Nationalpark - zweitgrößte Naturschutzgebiet der Welt. Andere Transportmittel Richtung Selous ließenetwa gar achtzig Jahre auf ein Fortkommen warten - noch dazu vergebens. Das galt vor allem für den deutschen Kriegsdampfer "Königsberg", der während des Ersten Weltkrieges im riesigen Mangrovengebiet des Rufiji-Deltas auf eine Sandbank gelaufen war und der bis vor kurzem als Wahrzeichen des ebenfalls schwer zugänglichen Deltas teilweise aus dem Wasser ragte.
Die oberen Ufer des Rufiji-Flusses, die das eigentliche Herzstück des Selous Game Reserve bilden, erreicht man besser, indem man der wortkargen, rothaarigen Cathy im Beton-Kral des Domestic Airports von Dar es Salaam die Hand schüttelt, dann entschlossen in ihre Fünfsitzer-Maschine klettert, und sich anschließend am Luxus des privat gecharterten Flugzeuges erfreut.
Staubige Piste
Die staubigen Pisten, auf denen hartgesottene Allrad-Fetischisten anreisen, die Wasserpfützen, die sie dabei nach Möglichkeit umfahren, und zuletzt die mäandrierenden Seitenarme des Rufiji-Flusses wirken von oben gesehen wie ein neu entdecktes Miró-Bild - in staubgrauen, morastroten und grasgrünen Farben aufs flache Land gepinselt.
Schwarze Punkte verraten, dass tiefer unten die Gnus und Büffel bereits der Besichtigung harren. Von Menschen oder gar Dörfern ist im Rahmen der einstündigen Flugreise so gut wie nichts zu sehen. Nur nach der Landung am staubigen Airstrip, ändert sich das ein wenig.
Mister Joseph ist hier, noch ohne Elephant-Cookies, aber dafür mit Jeep. "Willkommen im Selous", sagt er. Und: "Viele Giraffen heute." Was Joseph damit genau meint, kapiert man in der Regel erst Tage später, nämlich knapp vor dem Rückflug. Mit Gehupe und wilder Autofahrt sieht man seine Kollegen dann die Langhälse vom Rollfeld verscheuchen, damit sie den landenden Propellermaschinen nicht ins Gehege kommen. Auch das ist im tierreichen Selous Game Reserve Teil des Wildhüterjobs.
Aufspüren der Fauna
Leichter als das Vertreiben ist in der Regel das Aufspüren der Fauna. Affen und Vertreter der insgesamt 50.000 Flusspferde spürt man sogar von der Veranda der Hauszelte aus auf, wobei sich das Besondere der Gegend am schönsten bei ausgedehnten Bootsfahrten offenbart. Lassen wir die ewig weiten Miombo-Wälder, die staubigen Akazien und vereinzelten Baobab-Riesen des Megareservats also ein wenig beiseite - sie ähneln im Wesentlichen anderen ostafrikanischen Savannenlandschaften.
Ungewöhnlicher als die staubigen Weiten, in denen auch die letzten Exemplare des Afrikanischen Wildhundes (Lyacon pictus) leben, sind nämlich die Wasserlandschaften des Northern Sectors. Sie beginnen hinter den Stromschnellen einer acht Kilometer langen Schlucht.
Schwarzblau schäumt das Wasser des Rufiji hier auf, um sich östlich der Schlucht zu einem Wasserlabyrinth zu verwandeln, das höchstens mit dem weit bekannteren Okovango Delta in Botswana verglichen werden kann. Tangala, Manze oder Nzelakela heißen die hier entstandenen, grünlich schimmernden Seen, die durch zahlreiche Nebenarme miteinander verbunden sind - und zugleich ein Horrorszenario für Kartografen darstellen.
Ein Puzzle aus Seen, Buchten und Kanälen
Denn wirklich umreißen lässt sich das Puzzle aus Seen, Buchten und Kanälen bis heute nicht. Mit jeder Regenzeit verändern sich die Konturen dieser Wasserwelt. Konstant inmitten der Weite sind andere Dinge. Das Kreischen der Orix-Weber und Schreiseeadler, die in den Sümpfen des für Ostafrika einzigartigen Ökosystems ideale Lebensbedingungen haben. Oder die Spiegelung der bis zu 25 Meter hohen, oben immer bauchiger werdenden Borassus-Palmen im stillen Wasser. Ideal, um sich in einer Art Urwelt treiben zu lassen, sind die beschaulichen Stunden im Boot in jedem Fall. Wie in einem Film zieht die dichte Ufervegetation dann vorbei - und sorgt für stets neue Überraschungen. Schwimmende Elefanten zählen dazu.
Und natürlich die Aggressivität der zahlreich vorhandenen Flusspferde, über die man unseren Kleinen so gerne falsche Informationen gibt. Wirklich freundlich klingt das Schnauben beim Vorbeifahren nicht. Stattdessen verweisen Beulen im Boden der Aluboote darauf, dass es manchmal zu Auffahrunfällen kommt. Das heißt, sofern man Josephs Freund Henry glauben kann. Sie essen ein Leben lang Salat, sagt er, aber können ein fünf Meter langes Krokodil mit einem einzigen Biss erledigen. Zweihundert Afrikanern im Jahr ergeht es ähnlich - sie fallen dem gefährlichsten Wildtier des Kontinents zum Opfer.
So gesehen, ist der Sundowner im Selous schon wieder entspannend. Alles was man dazu braucht, ist stets vorhanden: ein kleiner Strand auf einer einsamen Insel inmitten des Wasserlabyrinths. Ferner zwei Klappstühle, kühle Drinks und die Sonne im Sinkflug sowieso. Fünf Meter weiter blubbern Wasserblasen im Fluss. Hie und da riskiert das dazugehörige Kroko ein Auge. Ein wenig schüchtern zwinkert man dann halt zurück. (Robert Haidinger/Der Standard/rondo/10/9/2004)
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