Wenn Lehrer nicht mehr wollen

22. März 2006, 16:06
155 Postings

Frustration, innere Kündigung, Burnout. Keine Berufsgruppe leidet öfter an psychischen Problemen als die der Lehrer

Uwe Schaarschmidt, Burnout-Forscher an der Universität Potsdam hat sie alle untersucht. Die ÄrztInnen, die SozialarbeiterInnen, die Feuerwehrleute und - die LehrerInnen. Die psychischen Belastungen in sozialen Berufen sind generell hoch. Doch keine Berufsgruppe leidet häufiger unter Burn-Out-Syndrom und Depression als die der Lehrer. Ein Drittel aller Lehrer, die an Schaarschmidts Studie beteiligt waren, litten unter akutem Burn Out, ein weiteres Drittel stufte der Psychologe als gefährdet ein. Eine Studie des BMBWK schlägt in dieselbe Kerbe. 56 Prozent der österreichischen LehrerInnen leiden demnach zumindest zeitweise an psychischen Störungen und Problemen. Zum Vergleich: 17 Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung sind einmal im Leben von einer Depression betroffen.

Schlechtes Image

Natürlich: Ärger gehört zum Beruf – und zwar zu jedem und viele LehrerInnen streiten das auch nicht ab. Doch der Lehrberuf hält besondere Tücken parat. "Was mich sehr belastet, ist das schlechte Image, das der Lehrberuf in der Gesellschaft hat – und zwar speziell in der Kinder- und Jugendarbeit", erklärt eine AHS-Lehrerin für Englisch und Deutsch in Linz. "Ich habe als WIFI-Trainerin in der Erwachsenenbildung begonnen. Wenn ich damals erzählte, was ich mache, hat es geheißen: "Aha, interessant". Heute höre ich nur: "Oh, Gott, Lehrerin." 50 Wochenstunden seien bei ihr die Norm, und das, obwohl sie keine volle Lehrverpflichtung hat. 60 keine Seltenheit. Schließlich unterrichtet sie 132 SchülerInnen. Zyniker könnten nun einwerfen, dass auch in anderen Berufen nicht immer die idealen Bedingungen zum Karriereglück herrschen. Überstunden werden ab der mittleren Führungsebene erwartet, Zeitausgleich ist zumindest in der Privatwirtschaft ein Fremdwort. Und mit zwölf Wochen Ferien sei der zeitliche Mehraufwand mehr als abgeglichen.

Zwischen Idealismus und Realität

Den graviernden Unterschied zu anderen Berufen erklärt Carsten Bangert, selbst Lehrer und Autor des Buches "Wenn Lehrer nicht mehr leben wollen - Depressionen verstehen, vorbeugen, überwinden" unter anderem mit den schlechten Organisationsstrukturen: Zu große Klassen, zu viel zusätzliche Verwaltungsarbeit, kaum praxisorientierte Ausbildung auf den Unis und zu wenig Unterstützung in Konfliktsituationen führen zu Überlastungen. Auch die Motive dafür, den Lehrberuf zu ergreifen, seien oft die falschen: "Viele BerufsanfängerInnen gehen relativ blauäugig an die Sache heran. Sie wählen den Job aus Liebe zu einem bestimmten Fach und haben eine viel zu hohe Erwartungshaltung. Doch als LehrerIn übt man meiner Meinung nach einen Sozialberuf aus und darüber sollte man sich von Anfang an im Klaren sein. Enttäuschungen sind sonst vorprogrammiert." Außerdem sei die psychische Belastung des Frontalunterrichts nicht zu unterschätzen: "Während der Unterrichtsstunde muss der Lehrer völlig konzentriert sein, Schwächen werden von den Schülern sogleich ausgenutzt, Konfliktsituation müssen sofort bereinigt werden, das zehrt an der Substanz."

Berufsaussteiger

Trotz Ferienmonaten und freier Arbeitseinteilung am Nachmittag entscheiden sich viele LehererInnen aus den skizzierten Gründen, ihren Job zu wechseln. Getrude Öllinger, die nur kurze Zeit in Wien unterrichtete, hat nie bereut, von der AHS in die Privatwirtschaft gewechselt zu haben: "In einem Bürojob kann man seinem eigenen Rhythmus folgen. Das geht in der Schule nicht. Hier musst du ständig souverän bleiben, und das in 50-Minuten-Einheiten, jede Schwäche wird ausgenutzt - kommst du mit einer Klasse nicht zurecht, hast du 30 Personen gegen dich - Tag für Tag."

Allein gelassen

Wer nicht den Job wechseln möchte, muss mit dem Druck und der Verantwortung zurecht kommen. Wer zusätzlich psychologische Hilfe braucht, muss sich darum privat kümmern. "Mein Eindruck ist, dass sich keiner der Betroffen traut, um Hilfe zu bitten", so Toni Hofer, von der Österreichischen LehrerInnenvertretung. Hilfsangebote existieren seiner Meinung nach ohnehin nicht: "Abgesehen davon, dass die bundesweite Fortbildung radikal gekürzt wurde, kenne ich auch nur wenige Angebote, die sich der psychischen Probleme von Lehrern annehmen." Konkret bieten die Pädagogsischen Institiute Supervision für LehrerInnen an, die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst hält Einzelberatungen für Mobbingopfer ab. AHS-Lehrergewerkschafts-Chefin Eva Scholik bestätigt das eher geringe Angebot bei gleichzeitig hoher Nachfrage.

Eine Diskrepanz, die Handlungsbedarf anzeigt. "Bildungspolitische und schulorganisatorische Veränderungen wären dringend notwendig, um die Depressions- und Burnout-Epidemie in der Lehrerschaft zu stoppen," warnt auch Carsten Bangert. Eine Herausforderung für Schulleitungen wie Schulbehörden. "Die Schulbehörden müssten erkennen, dass Coaching und Konfliktmanagement für LehrerInnen auch hocheffektive Instrumente im Schulbetrieb sein können und nicht nur Vitaminspritzen für Ausgebrannte." (mhe)

Share if you care.