Dialektik der Schuld

8. September 2004, 21:15
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Tagespolitische Statements hört man auf dem Filmfestival in Venedig selten - Umso politischer geriet zuletzt der Wettbewerb...

Mike Leighs "Vera Drake" befasst sich mit Abtreibung, der Israeli Amos Gitai in "Promised Land" mit Prostitution.


Der Cannes-Effekt, die Umwandlung des Filmfestivals zur politischen Bühne, blieb auf der 61. Mostra bisher aus. Hier sorgt eher die Tatsache für Schlagzeilen, dass US-Star Johnny Depp bis halb drei in der Nacht warten musste, um über den roten Teppich zu flanieren: keine Auszeichnung für den ohnehin mit Argusaugen beobachteten neuen Festivaldirektor Marco Müller. Harvey Weinstein, Produzent von Finding Neverland, drohte prompt damit, ihn in den Kanal zu werfen.

Es braucht eben einen genuinen Selbstdarsteller wie Michael Moore, um die US-Wahl über die Flanken anzuvisieren. Tim Robbins, der seine politischen Überzeugungen noch nie verhehlte, sprach zwar auf einer Pressekonferenz davon, dass Satiriker der Wahrheit inzwischen einen höheren Stellenwert einräumen würden als Medien und Politik. Aber nur ein Dutzend Journalisten hörte ihm zu - und Embedded/Live, seine verfilmte Dramatisierung neokonservativer Kriegsparolen, lief in einer Nebenschiene.

Noch ohne eindeutige Favoriten, aber in einem allgemeinen Sinn politisch waren dagegen die letzten Arbeiten des Wettbewerbs: Das Thema Abtreibung teilten beispielsweise Mike Leighs Vera Drake und Palindromes, der neue Film des US-Amerikaners Todd Solondz (Happiness).

Letzterer erzählt vom minderjährigen Mädchen Aviva, das sich nichts mehr wünscht als ein eigenes Kind. In einem von überprotektiven Müttern und religiös-fanatischen Abtreibungsgegnern bestimmten Umfeld stilisiert Solondz sie zur leise säuselnden Außenseiterin, die von einer Episode zur nächsten jeweils von einer anderen Darstellerin verkörpert wird. Über ein paar vordergründige Aussagen über die Doppelmoral der US-Gesellschaft gelangt Palindromes jedoch nie hinaus.

Heilige & Kriminelle

Ungleich differenzierter nähert sich Leigh dem Sujet: Er situiert das Geschehen in den 50er-Jahren und schafft mit Vera Drake eine Figur, die Heilige und Kriminelle zugleich ist. Ohne je dafür Geld anzunehmen, kommt sie mit Seifenwasser Mädchen zu Hilfe, die in Not geraten sind. Die Britin Imelda Staunton gibt Drake die Gestalt einer freundlichen älteren Frau aus einfachen Verhältnissen, der nicht bewusst ist, dass sie das Gesetz bricht, weil sie aus purem Altruismus handelt. Für das, was sie tut, hat sie noch nicht einmal eine Sprache.

Wie noch jeder Film Leighs beweist auch Vera Drake viel Feinsinn für Klassenunterschiede: Während für eine schwangere Frau der Mittelschicht ein Weg durch Institutionen möglich ist, verrichtet Drake ihre Dienste in düs- teren Hinterzimmern. Doch Leigh macht kein Aufsehen darum, er zeigt das "Delikt" als normalen Arbeitsvorgang, der mit derselben Selbstvergessenheit umgesetzt wird wie die Zubereitung einer guten Tasse Tee.

Vera Drake ist ein stilles, nüchternes Kammerspiel, die Figuren erstarren mitunter in den farblich monochromen Bildern. Die Frage nach Schuld und Unschuld wird nur indirekt gestellt. Um vieles eindeutiger geht der israelische Filmemacher Amos Gitai in Promised Land zur Sache, der sich mit Prostitution als organisiertem Verbrechen auseinander setzt.

Es beginnt in der Nacht, bei Mondschein in der Wüste Sinai. Eine Gruppe russischer Mädchen wird von Beduinen über die Grenze gebracht. In rauen, grobkörnigen Bildern, die Kamera in ständiger Bewegung, zeigt Gitai, wie die Frauen gleich einer Viehherde verkauft werden: T-Shirts werden hochgerissen, Hosen heruntergezogen; später spritzt man sie mit einem Schlauch mit kaltem Wasser ab - und man kommt nicht umhin, an Praktiken in Konzentrationslagern zu denken.

Der Weg führt ins gelobte Land, nach Israel. Dort werden die Frauen zurechtgemacht: Die Fassbinder-Actrice Hanna Schygulla spielt eine Szene lang die Puffmutter, spendet Trost, wo es ganz anderer Hilfestellungen bedarf. Gitai nähert sich seinem Thema im dokumentarischen Gestus an, sucht zuletzt jedoch eine fragwürdige, nichtsdestotrotz brisante Verschränkung.

Denn es ist gerade eine Autobombe, somit ein Moment der Zerstörung, der die Utopie mit sich bringt. Zwei Frauen gelingt es, im Chaos von Wrackteilen und Sirenen zu flüchten. "Die verrückte Dialektik des Nahen Ostens" nannte das Gitai bei der Pressekonferenz. In einem eher überraschungslosen Wettbewerb war Promised Land der bisher kontroversiellste Film. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh aus Venedig
  • Selbstlos, sprachlos: Imelda Staunton (re.) als Vera Drake in Mike Leighs gleich- 
namigem nüchternem Kammerspiel um illegale Abtreibung.
    foto: image.net

    Selbstlos, sprachlos: Imelda Staunton (re.) als Vera Drake in Mike Leighs gleich- namigem nüchternem Kammerspiel um illegale Abtreibung.

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