Bosnien: Streit um Opferzahlen des Krieges

10. September 2004, 09:38
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Srebrenica-Kommission wirft Moslems vor, Identifizierung zu verzögern

Sarajewo- Die bosnisch-serbische Kommission zur Aufklärung des Massakers von Srebrenica hat Vorwürfe zurück gewiesen, Informationen über Standorte von Massengräbern geheim zu halten. Slobodan Skrba, der in der Ende vergangenen Jahres auf internationalen Druck gegründeten Kommission für die Suche nach vermissten Personen zuständig ist, beschuldigte im Gegenzug die Moslems der Verschleierung von Opferzahlen.

Skrba warf der bosnisch-moslemischen Seite vor, die Identifizierung verschwundener bosnischer Serben bewusst zu verzögern. Sie wolle so das "falsche Bild von Bosniaken als Hauptopfer der Vergangenheit" aufrechterhalten.

Massengräber verlegt?

Gegenüber der Tageszeitung "Glas Srpske" erklärte er, dass ihm Informationen vorlägen, wonach die Vermisstenkommission der moslemisch-kroatischen Föderation Massengräber verlegt habe. Sie habe auch bosnisch-serbische Opfer in Uniformen der bosnischen Armee gesteckt, um ihre Herkunft zu verschleiern. Skrba reagierte damit auf die Behauptung des Vorsitzenden der Föderations-Kommission, Amor Masovic, der vorige Woche die Zahl der in Sarajewo während des Krieges verschwundenen bosnischen Serben auf knapp hundert beziffert hatte.

Zusätzliche Kritik an der Rolle der im so genannten Washington-Abkommen 1994 gegründeten moslemisch-kroatischen Föderation während des Bosnien-Krieges äußerte der Polizeisprecher von Serbisch-Sarajewo, Radovan Pejic. So lägen den bosnisch-serbischen Behörden Erkenntnisse vor, wonach sich Ramiz "Celo" Delalic, der Anfang vergangener Woche festgenommen wurde, an "ethnischen Säuberungen" beteiligt habe. Der Boulevardzeitung "Blic" sagte Pejic: "Wir verfügen über operative Angaben und Beweise, dass Delalic während des vergangenen Krieges, insbesondere während des Konfliktes zwischen den Moslems und Kroaten, im Lager für gefangene Serben in Tarcin serbische Gefangene geschlagen und gefoltert hat."

Schüsse auf Hochzeitsgesellschaft

Delalic hatte im April 1992 mit Schüssen auf eine bosnisch-serbische Hochzeitsgesellschaft einen der Vorwände für den Präsidenten der Republika Srpska (RS), Radovan Karadzic, geliefert, die bosnische Hauptstadt zu belagern. Wegen Bedrohung eines Restaurantbesitzers mit einer Waffe muss er seit seiner Verhaftung eine halbjährige Strafe absitzen. (APA)

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