Russland plant weltweit Militärschläge

16. September 2004, 09:39
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Reaktion auf Geiseldrama von Beslan: Regierung setzt acht Millionen Euro Kopfgeld auf Terroristenführer aus

Moskau - Nach den USA nimmt jetzt auch Russland das Recht auf präventive Militäraktionen im Ausland zur Bekämpfung des Terrorismus für sich in Anspruch. Als Reaktion auf das Geiseldrama in Beslan erwäge man weltweite Präventivangriffe gegen Stützpunkte mutmaßlicher Terroristen, sagte der russische Generalstabschef Juri Balujewski am Mittwoch in Moskau. Die russischen Streitkräfte seien auf Einsätze gegen Terroristen in "jeder Weltregion" vorbereitet. "Dies heißt jedoch nicht, dass wir auch Atomangriffe planen."

Der russische Geheimdienst hat unterdessen ein Kopfgeld von umgerechnet 8,5 Millionen Euro auf die tschetschenischen Rebellenführer Schamil Bassajew und Aslan Maschadow ausgesetzt. Nordossetiens Präsident Alexander Dsasochow kündigte am Mittwoch den Rücktritt seiner Regierung an.

Hundert Leichen unidentifiziert

Die Hinterbliebenen des Geiseldramas im nordossetischen Beslan haben alle Toten, die identifiziert worden sind, begraben. Noch liegen hundert Leichen im Leichenhaus der Stadt. Verkohlt, zur völligen Unkenntlichkeit entstellt.

Niemand konnte sie bisher identifizieren. Angehörige haben die Versuche aufgegeben. Die Hoffnung liegt nun in der Genetik. Gegen Ende der Woche wollen die Behörden mit den Expertisen beginnen. Inoffiziellen Listen zufolge konnten die Bewohner von Beslan mehr als 200 Verwandte noch immer nicht finden.

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft erstmals ihre vorläufigen Daten veröffentlicht und zugegeben, dass sich mehr als 1200 Geiseln in der Schule befanden. 326 seien getötet, 727 verletzt worden. Nicht einmal die Staatsanwaltschaft schloss mehr aus, dass sich die Zahl der Toten noch erhöhen kann. Inoffizielle Quellen gingen schon zu Beginn von mindestens 500 Toten aus. Von den 32 Terroristen seien 31 getötet worden, zwölf habe man identifiziert.

Rätselraten um Terroristenvideo

Neues Rätselraten löste aus, woher das Terroristenvideo stammte, das der halbstaatliche Fernsehsender NTW am Dienstagabend ausstrahlte. Die Geiselnehmer haben 87 Sekunden lang mitgeschnitten, wie sie inmitten der zusammengepferchten Geiseln Sprengfallen aufstellen. Sie spannen Drähte zur Zündung von Sprengsätzen. Ein Terrorist spricht leise in ein Handy. "Bringt die Kinder noch nicht hier herein", schreit unterdessen ein Mann auf Russisch mit Akzent. Zu sehen ist auch eine "schwarze Witwe" mit einem Sprengsatz und einer Pistole an der Schläfe. Laut NTW-Kommentator herrschte keine Panik.

Kopfgeld ausgesetzt

In der Fahndung nach den Drahtziehern des Geiseldramas hat der russische Inlandsgeheimdienst FSB nun ein Kopfgeld in beispielloser Höhe von umgerechnet 8,5 Millionen Euro auf die Rebellenführer Aslan Maschadow und Schamil Bassajew ausgesetzt. Der festgenommene Geiselnehmer nannte im Staatsfernsehen beide als Auftraggeber, Ziel sei ein Flächenbrand im Nordkaukasus gewesen. Maschadow seinerseits hatte sich allerdings wiederholt von dem Terrorakt distanziert.

Demonstrationen

In mehreren russischen Städten wurde am Dienstag gegen Terror demonstriert. In Moskau zählte man 130.000 Menschen. Fast alle Oppositionsparteien boykottierten die Kundgebung, da sie ihrer Ansicht nach zur kritiklosen Unterstützung des Kurses Präsident Wladimir Putin herhalten sollte. Jüngster Hinweis auf eine Verschärfung des Kurses ist eine Erklärung von Generalstabschef Juri Balujewski, wonach Russland weltweite Präventivangriffe gegen Stützpunkte mutmaßlicher Terroristen erwäge und darauf schon vorbereitet sei.

Wie eine Kreml-Quelle die Zeitung Wedomosti wissen ließ, wurde die Moskauer Demonstration auf höchster Ebene in der Präsidentschaftsadministration geplant. Studenten der Uni wurden autobusweise herangefahren. Kritiker sprachen von einer "bürokratischen Fiktion".

Einer jüngsten Umfrage zufolge glauben 75 Prozent der Russen nicht, dass der Geheimdienst irgendwelche Lehren aus dem Geschehenen ziehe. 52 Prozent werfen ihm Unprofessionalität vor, deren Ursache in der Korruption innerhalb der Organisation liege. Zur größeren Sicherheit im Land fordert mehr als ein Drittel einen Führungswechsel in Geheimdienst und Innenministerium, ein Drittel eine Änderung der Kaukasuspolitik, 23 Prozent bauen auf verschärfte Gesetzgebung. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2004)

Eduard Steiner aus Moskau
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    So wie hier auf dem Minutka-Platz im tschetschenischen Grosny will die russische Armee künftig weltweit Präventiv-Angriffe gegen Stützpunkte mutmaßlicher Terroristen führen.

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