Unhaltbare Versprechen

21. September 2004, 19:53
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In Hinblick auf die Zukunft der Arbeit sieht die Pensionsharmonisierung jetzt schon sehr alt aus - Von Samo Kobenter

Abgesehen vom unangenehmen Nebeneffekt, dass die Pensionsreform so gut wie alle derzeit Erwerbstätigen zur Auffrischung selig vergessener Grundrechnungsarten zwingt, wurden in der großen Gleichung 45-65-80 wenigstens zwei Unbekannte unverfroren versteckt: Wer kann den heute ins Arbeitsleben einsteigenden jungen Menschen garantieren, dass diese Reform die letzte sein wird, die sie bis zu ihrem Pensionsantritt erdulden müssen, und wer kann heute festlegen, dass sie in einigen Jahrzehnten tatsächlich 80 Prozent ihres durchschnittlichen Lebenseinkommens als, euphemistisch gesprochen, Ruhegenuss lukrieren können?

Wenn man davon ausgeht, dass sich, abgesehen von den demografischen Verschiebungen, auch der Charakter der Arbeit in Zukunft stark verändern wird und heute schon im Verschwinden begriffene geschlossene Erwerbsbiografien die Ausnahme der Regel darstellen werden, sieht die Pensionsharmonisierung jetzt schon sehr alt aus. Wie werden beispielsweise längere Unterbrechungen der Erwerbszeit, die für Fort- und Weiterbildung abseits der klassischen Vermittlung durch das Arbeitsmarktservice notwendig werden, in die Bemessung der Pensionen eingerechnet? Wie werden die Einkommen aus mehreren geringfügigen Beschäftigungen berechnet? Und wie kann die Ungleichheit ausgeglichen werden, die in der geringeren Lebenserwartung aufgrund schwerer körperlicher Arbeit und der höheren aufgrund leichter systemimmanent weiterbesteht?

Das breite Verständnis für eine Reform, die auf den Ausgleich struktureller Ungleichheit abzielt, hängt davon ab, ob man den eingesetzten Mitteln diesen Effekt zutraut. Dafür ist die Pensionsharmonisierung mit zu vielen Ausnahmen, Unklarheiten und Unwägbarkeiten ausgestattet. (DER STANDARD, Printausgabe, 9. 9. 2004)

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