Kopf des Tages: FSB-Chef Nikolaj Patruschew

10. September 2004, 17:37
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Des Präsidenten nobler Schweiger

903 Tote, ohne jene des Geiseldramas in Beslan, zählt die Zeitung Moskowskije Nowosti als Folge der Terroranschläge, seit Nikolaj Patruschew 1999 zum Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB ernannt worden ist. Angst und Unsicherheit im Land. Keine gute Bilanz für den Chef einer Organisation, deren Hauptaufgabe die Verhinderung von Geiselnahmen und Terroranschlägen ist.

Patruschew äußert sich dazu nicht, mit negativen Nachrichten lässt er sich nicht in Verbindung bringen. Es passt zu seinem blassen Gesicht. Gehört Schweigen schon zum Berufsprofil eines Geheimdienstmannes, so scheint die Meisterschaft darin auch den Chefposten zu sichern.

Nicht nur einmal hielten Oppositionsvertreter in Russland einen Rücktritt Patruschews, der zwischen Jänner 2001 und 2003 die so genannten Antiterroroperationen in Tschetschenien leitete, für überfällig. Jetzt erneut nach der Tragödie in Beslan.

Präsident Wladimir Putin sieht das anders. Kein Zweiter an der russischen Machtspitze hat sich neben dem Präsidenten länger gehalten als Patruschew. Der gemeinsame Werdegang im Sowjetgeheim 2. Spalte dienst KGB scheint zusammenzuschweißen, ebenso wie beider Herkunft aus St. Petersburg. 1951 dort geboren, genoss Patruschew die Ausbildung am Institut für Schiffsbau, riss das Segel aber herum und schloss bereits 1975 die Schulung im KGB ab. Fortan verlief Patruschews Karriere – wie bei vielen der heutigen Machthaber in Russland – in der einstigen Hauptstadt.

Der Vater zweier Söhne begann in der Abteilung gegen Organisierte Kriminalität und Korruption zu arbeiten, stieg später zum Chef auf. 1992 übernahm der von Kollegen als willensstark und hart Charakterisierte die FSB-Leitung im nördlichen Karelien, ehe er 1995 in die Moskauer Zentrale wechselte. Drei Jahre beschäftigte sich Patruschew dort mit Personalfragen. 1998 ereilte ihn der Ruf in den Kreml. Aber nur drei Monate hielt es ihn als Vizechef der Präsidentenadministration. Wieder beim FSB, zeichnete er für den Kampf gegen Wirtschaftskriminalität verantwortlich.

1999 schließlich geht es Schlag auf Schlag: FSB-Chef Putin wird als Regierungschef für die Nachfolge des kranken Präsidenten Boris Jelzin vorbereitet, Patruschew nimmt Putins Platz ein und wird auch noch zum Ratsvorsitzenden der Sicherheitschefs aller GUS-Staaten gewählt.

Unter Patruschews Ägide hat Putin im Vorjahr dem FSB fast die ganze Machtfülle des einstigen KGB zurückgegeben: Staatsschutz, Inlandsspionage und Grenzschutz. Patruschew arbeitet derzeit? an der Ausweitung der Generalsränge im FSB. Alles in allem ein nobles Unterfangen, wie der Wortkarge äußerte: Schließlich seien KGB und der Nachfolger FSB Russlands neuer Adel. (Eduard Steiner/DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2004)

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