Zweifel an Al Kaida-Einfluss in Tschetschenien

9. September 2004, 17:45
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Experten halten Terrornetzwerk aber weiter für handlungsfähig

Berlin - Nach der Serie von Terroranschlägen in Russland sieht Präsident Wladimir Putin sein Land einer Kampagne des "internationalen Terrorismus" ausgesetzt. Doch westliche Sicherheitsexperten hegen Zweifel, ob das von Putin nahe gelegte Terrornetzwerk Al Kaida tatsächlich treibende Kraft hinter den Anschlägen ist, bei denen innerhalb von wenigen Tagen mindestens 500 Menschen starben.

Auch wenn beispielsweise deutsche Sicherheitskreise personelle Verbindungen zwischen Anhängern des internationalen Jihad (Heiligen Krieg) und den tschetschenischen Rebellen sehen, wird nicht automatisch von einer Steuerung durch das Al-Kaida-Netzwerk ausgegangen.

Der Doppelanschlag auf russische Verkehrsflugzeuge vor gut zwei Wochen, der Selbstmordanschlag in Moskau eine Woche später und das katastrophale Geiseldrama in Beslan wiesen auf die Handschrift des tschetschenischen Rebellenführers Schamil Bassajew hin, heißt es aus deutschen Sicherheitskreisen.

Bassajew ist demnach dem islamistischen Flügel der tschetschenischen Rebellion zuzurechnen. Insgesamt sei der Tschetschenien-Konflikt aber eher nationalistischer Natur, weshalb es "schwer für den globalen Jihad" sei, sich "da einzuklinken".

Gemeinsame Ideologie

Al Kaida und tschetschenische Widerstandskämpfer seien zwar "unzweifelhaft" über eine gemeinsame Ideologie verbunden, meint Yasser Serri von der islamischen Beobachtungsstelle in London. Das bedeute jedoch nicht automatisch, dass es auch organisatorische Verbindungen gebe.

Sicherheitsexperten beobachten ohnehin eine "eher" schwindende Unterstützung durch Mujaheddin im tschetschenischen Konflikt. Einzelpersonen, Kommandos und auch finanzielle Mittel würden derzeit verstärkt in den Irak gelenkt, um den dortigen Widerstand zu stützen.

Die leichte Schwerpunktverschiebung in den internationalen Aktivitäten von Islamisten darf jedoch nach Ansicht westlicher Sicherheitsexperten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Al Kaida weiterhin global handlungsfähig ist.

Es seien nicht nur regional relativ unabhängige Gruppen wie die Attentäter von Madrid mit Anschlagsplanungen beschäftigt, auch der Al-Kaida-Kern selbst strebe unvermindert nach eigenen "Erfolgen". Als Beleg nennen Fachleute die Festnahme von Al-Kaida-Mitglied Abu Issa al Hindi Anfang August in Großbritannien.

Damit sollen konkrete Anschlagsplanungen in den USA unterbrochen worden sein, auch wenn der Zeitpunkt unklar sei. Kurz vor seiner Festnahme schickte Hindi noch sechs E-Mails in die USA.

Ausbildungslager

Im Grenzgebiet zwischen Pakistan und dem Osten Afghanistans gehen Sicherheitsexperten von noch immer etwa 15 Ausbildungslagern aus, die zum größten Teil von Al Kaida betrieben werden. Mit weiteren Stützpunkten in der Region zählen die Nachrichtendienste insgesamt rund 25 Trainingslager für kampfwillige Islamisten, durch die um die tausend Rekruten pro Jahr geschleust werden.

Festnahmen in den vergangenen Monaten gewährten den internationalen Ermittlern Einblicke in die Strukturen der Organisation. Der Mitte Juli in Pakistan festgesetzte Computerfachmann Mohammed Naeem Noor Khan war demnach einer der wichtigen Kommunikationsknotenpunkte des Netzwerks, die die strategischen Anweisungen der Führungsebene um Osama bin Laden an die taktischen Kommandanten vor Ort weitergeben.

Aus den Bewegungsbildern von Al-Kaida-Verdächtigen schließen Nachrichtendienstler, dass für Reisen aus den "kritischen" Basisländern Pakistan und Saudiarabien zumeist die Vereinigten Arabischen Emirate und Großbritannien als Umsteigeplätze genutzt werden. Aber auch Südafrika mit seinen moslemischen Gemeinden in Johannesburg und Pretoria rückt zunehmend in den Vordergrund.

An Grenzen stoßen die Ermittler bei der Verfolgung der Finanzströme der Al Kaida. Die Islamisten finanzierten ihre Aktivitäten zunehmend durch Kriminalität wie Drogenhandel sowie dem Schmuggel von Zigaretten, Waffen oder gar Menschen, heißt es.

Auch durch Drogendeals seien die nur rund 30.000 Euro zusammengekommen, die die Madrider Anschlagserie am 11. März mit fast 200 Toten gekostet habe, gibt ein Beamter zu bedenken. Internationale Überweisungen seien daher nur noch selten notwendig.(APA)

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