Problemknoten als Folge der Hegemonialpolitik Moskaus

28. September 2004, 15:38
8 Postings

Jahrhunderte der Unterwerfung

Kein Landesteil fordert Russlands Sicherheit und territoriale Integrität derart heraus wie der Nordkaukasus. Zur ethnischen Vielfalt, die durch Aufsplitterung in Clans verstärkt wird, kommt die sprachliche: kaukasische Sprachen (allein in Dagestan über zwei Dutzend Untergruppen) neben indogermanischen (Osseten, Armenier) und der Turksprachgruppe (Karatschaier, Balkaren).

Keine Islam-Front

Was die Religionszugehörigkeit betrifft, so haben viele Auseinandersetzungen der letzten Jahre gezeigt, dass die Muslime keine einheitliche Front gegen Russland bilden. Die Stärke der Islamisierung nimmt allgemein vom Osten gegen Westen hin ab. Die stammesmäßigen Gewohnheitsrechte stehen meist über dem islamischen Gesetz.

Im ethnisch stärker zersplitterten Osten allerdings einten religiöse Autoritäten im 18. und 19. Jahrhundert die Bevölkerung auf Basis des Islam zum Widerstand gegen die russische Expansion. In mehreren blutigen Kriegen versuchten die Zaren seit Iwan dem Schrecklichen 1559, den Kaukasus zu unterwerfen. Am hartnäckigsten war der Widerstand im "großen Kaukasuskrieg" zwischen 1816 und 1864 unter Führung des legendären dagestanischen Gotteskriegers Imam Schamil.

Nach diesem Krieg vertrieben Kolonialrussen die autochthone Bevölkerung, besonders nahe dem Schwarzen Meer, und veränderten die ethnische Struktur radikal.

Russlands "Problem" mit dem Kaukasus setzte sich unter den Sowjets fort. Stalins Deportationen waren nirgends so brutal wie im Nordkaukasus, die Bevölkerungsgruppen der Tschetschenen, Inguschen, Balkaren und Kabardiner wurden 1934-1944 komplett nach Zentralasien und Sibirien deportiert.

Einige Konflikte rühren noch heute aus dieser Zeit, so der 1992 blutig eskalierte zwischen Osseten und Inguschen wegen territorialer Rehabilitationsansprüche.

Einen Schlüssel zur Organisation der ethnoterritorialen Verhältnisse in einer Region haben die Sowjets nie gefunden. Sie zwangen dem Kaukasus ein System von autonomen Republiken und Gebieten auf, welches willkürlich nicht verwandte Ethnien - wie Kabardiner und Balkaren - in seltsame binationale Republiken zusammenfasste und andere wiederum voneinander trennte.

Jelzins Ermunterung

Nach dem Zerfall der Sowjetunion brach die historische Wunde in einem Aufschwung nationaler Bewegungen auf. Präsident Boris Jelzin goss Öl ins Feuer, als er allen Nationalitäten so viel Souveränität anbot, "wie ihr vertragen könnt". Ethnischer Partikularismus drohte die autonomen Gebietseinheiten zu zerreißen. Am stärksten war die Separationsbewegung der Tschetschenen 1991, die Moskau 1994 mit dem ersten Feldzug beantwortete. (DER STANDARD, Printausgabe, 8. 9. 2004)

Von Eduard Steiner
Share if you care.