Verfeuerte Weltkultur

9. September 2004, 13:10
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Mit dem Brand in der Weimarer Bibliothek sind unwiederbringliche Zeugnisse deutscher Schriftkultur vernichtet - Versäumnisse werden offenbar

Weimar gab lieber Geld für zweifelhafte Events aus als für die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, die Feuergefahr war lange bekannt. "Das kann nicht sein!", war der erste Gedanke, der dem Weimarer Dichter Wulf Kirsten durch den Kopf schoss, als der bei Suhrkamp verlegte Lyriker letzten Donnerstag nachts aus dem Dachgeschoß der Bibliothek 20 Meter hohe Flammen schlagen sah.

Am Nachmittag hatte er noch im Lesesaal gearbeitet, wie so oft. Auch am Tag danach, so erzählte er der Welt, überstieg das Geschehene sein Fassungsvermögen: "Heute Morgen wieder anfallartig der erste Gedanke: Ist das wirklich wahr, was du mit eigenen Augen gesehen hast?"

Kirsten begriff, dass "meine Bibliothek" einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen war. Erst da setzte das Nachdenken ein über "die mehrjährige, längst überfällige Sanierung".

Alle waren fassungslos und haben in ergreifenden Worten ihr Bedauern formuliert: die Kulturstaatsministerin, Thüringens Ministerpräsident, lokale Politiker und Bürger, die weinend vor dem skelettierten Dachstuhl standen und vorher versucht hatten, in Menschenketten Tausende unersetzliche Bücher zu retten. Doch das Zentrum der geistigen Selbsterschaffung einer Welt der Aufklärung und Humanität, die am fortschrittlichen Weimarer Hof ihr Zuhause fand, eine der schönsten und wertvollsten Bibliotheken der Welt, Welterbe der Unesco, ist in großen Teilen dahin.

Wulf Kirsten berichtet von einem Weimarer, der "mit einem Stück Buch in der Hand, verkohlt, ein ausgeglühtes schwarzes Büschel", neben ihm gestanden sei.

Er selbst sah noch am Tag danach auf Kühlerhauben "verkohlte Papierreste" herumliegen. Der historische Rokokosaal ist vernichtet, mit ihm nicht weniger als 30.000 Bücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Darunter die Sammlung des Bibliothekars Daniel Schurzfleisch mit wichtigen Werken aus der Reformation und dem Barock, die Musikaliensammlung Anna Amalias und theologische Literatur aus dem 16. Jahrhundert. Mindestens 40.000 weitere Bücher sind durch Löscharbeiten wasserbeschädigt.

Kaum Fotografien

Das Schlimmste: Nur etwa zehn Prozent der vernichteten Werke sind wenigstens fotografisch dokumentiert. Wir werden nie mehr zur Gänze wissen, was Goethe, Schiller, Herder oder andere Geistesheroen handschriftlich an die Ränder neben den Texten gekritzelt haben, als sie sich Bücher ausgeliehen hatten.

Ein "unbeschreiblicher Verlust", konstatiert auch Koichiro Matsuura, Generaldirektor der Unesco. Auch 34 Gemälde aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sind unwiederbringlich dahin. Insgesamt soll das Inventar nur mit 20 Millionen Euro versichert sein, der materielle Verlust ist um ein Vielfaches höher, der ideelle Verlust unersetzlich.

"Ein Teil unseres Gedächtnisses ist zerstört worden, wie bei einem Hirninfarkt", so verglich Helwig Schmidt-Glintzer, Direktor der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, die dem Feuer geschuldete Kulturgutvernichtung. Goethe hatte sich einst für diese Bibliothek stark gemacht, gab sogar eigenes Geld und leitete 15 Jahre lang die zuständige Kommission.

Herzogin Anna Amalia hatte eigens das Zeughaus umbauen lassen. Goethe sorgte dafür, dass nach dem Tod der Regentin (1804), der Mutter von Goethes Lebensfreund und bedingungslosem Förderer Carl August, weitere Sammlungen angekauft wurden, wie die einmalige Bibelsammlung. Luthers berühmte Bibel konnte in der Brandnacht vom Direktor gerade noch mit knapper Not geborgen werden.

Obwohl sie eine rare Schatzkammer war, wurde die Anna-Amalia-Bibliothek jahrzehntelang sträflich vernachlässigt, erst in der NS-, dann in der DDR-Zeit und wohl auch nach der Vereinigung. Ihr modriger Zustand, das fortgeschrittene Verfallensein waren bekannt, auch die akute Feuergefahr. Vermutlich war der Brandauslöser ein Kabeldefekt - etwas, das in moderner Museumsausstattung nicht mehr möglich ist.

Altertümliche Struktur

Aber das Schatzhaus des deutschen Geistes litt unter seiner altertümlichen Infrastruktur - man hatte sie mutwillig verlängert. "Wir wären in den 90er-Jahren schneller vorangekommen, wenn alle an einem Strang gezogen hätten", gestand jetzt auch Hellmut Seemann, Präsident der Weimarer Stiftung. Es sei versäumt worden, das Kulturensemble "angemessen zu fördern".

Seine Forderung lautet daher: "Wir müssen sofort mit der Grundsanierung beginnen. Kein einziger Euro der Hilfsgelder, die jetzt kommen, darf wieder für die Finanzierung von Zwischenlösungen verschwendet werden."

Zwischenlösungen, halbherzige Vorgehensweise, keine Katastrophenplanung. Erst jetzt sollte die Sanierung beginnen, man hatte angefangen, die Bibliothek zu räumen, 2007 sollte sie wiedereröffnet werden. Weimar unter seinem parteilosen OB Volkhardt Germer (früher SED) setzte lieber auf spektakuläre Festivals, holte seriell Persönlichkeiten mit großen Namen ins Städtchen und gab Abermillionen für zweifelhafte Kunstspektakel aus.

Ein Bruchteil der verfeierten Gelder hätte für primitive Sicherungsmaßnahmen der Anna-Amalia-Bibliothek freilich genügt. Alle bedauern das Unglück jetzt - aber das Ziehen von Konsequenzen steht vorderhand noch aus. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 9. 2004)

Von Roland Mischke aus Weimar
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