Kinderlähmung statt Schnupfen

13. September 2004, 11:38
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Neuer Infektionsweg macht harmloses Virus hoch gefährlich

Heidelberg - Ein häufig vorkommendes Erkältungsvirus kann im Labor unter bestimmten Bedingungen die Kinderlähmung auslösen: Werden die mit den Polioviren eng verwandten Coxsackieviren Mäusen nicht wie üblich über die Nasenschleimhäute verabreicht, sondern direkt in einen Muskel gespritzt, bekommen die Nager statt einer Erkältung typische Lähmungen, fanden Forscher der Duke University in Durham heraus, berichtet das Bild der Wissenschaft.

Polio- und Coxsackieviren haben zwar sehr ähnliches Erbgut, verursachen aber völlig unterschiedliche Krankheiten: Polioviren schädigen Muskel steuernde Nervenzellen und führen so zu Lähmungen, Coxsackieviren verursachen Schnupfen. Bisher erklärten dies Wissenschafter damit, dass die Viren trotz Ähnlichkeit an unterschiedlichen Rezeptoren andocken und so verschiedene Effekte auslösen.

Polio wird ausgerottet

Die US-Forscher veränderten nun aber Mäuse gentechnisch so, dass ihre Zellen ausschließlich den Rezeptor für Coxsackieviren und nicht den für Polioviren enthielten. Trotzdem lösten in den Wadenmuskel gespritzte Erkältungsviren keinen Schnupfen sondern Polio aus: Die Viren waren entlang der die Muskeln steuernden Nervenzellfortsätze ins Zentrale Nervensystem gelangt, hatten dieses geschädigt.

Diese Entdeckung weise auf eine neue Gefahr hin, schreiben die Forscher: Polio werde bald durch Impfprogramme ausgerottet sein. Gehe danach die Impfrate zurück, hätten nur noch wenige Menschen Polioantikörper. Damit seien dann Viren wie Coxsackie im Vorteil, könnten sich weiter ausbreiten. Im schlimmsten Fall drohe so eine neue Poliogefahr, diesmal jedoch durch die Coxsackieviren. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2004)

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