Angst vor einer Schule der 50er-Jahre

13. September 2004, 13:48
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Stadtregierung und Opposition sind sich einig, dass es in Wien deutlich zu wenige Pflichtschullehrer gibt

Wien – In einem Punkt sind sich Susanne Jerusalem und Michael Häupl einig: Sowohl die Schulsprecherin der Wiener Grünen als auch der Wiener Bürgermeister fürchten anlässlich des soeben beginnenden Schuljahres eine "Rückkehr in die 50er-Jahre".

Beide meinen damit keineswegs heimatfilmschmalzige Heile-Welt-Szenarien: Jerusalem sieht überfüllte Volksschulklassen, Häupl – wenn auch nicht in Wien – Sechsjährige, die aufgrund von Schulschließungen "zweieinhalb Stunden zur Schule wandern müssen". Sinkende Schülerzahlen lassen in den Bundesländern um den Fortbestand von Volksschulen fürchten – dort, wo sich für die neuen ersten Klassen kaum mehr als zehn Schulkinder finden.

"Sonderpädagogischer Bedarf"

Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SP) klagte am Dienstag gemeinsam mit Jugendstadträtin Grete Laska (SP), dass allein "sonderpädagogischer Bedarf" (für körperlich, psychisch oder sprachlich gehandicapte Kinder) an etwa 600 Lehrern bestehe. "Aufgrund der Deckelung des sonderpädagogischen Förderbedarfes durch den Bund können sie nicht beschäftigt werden." In Wien hätten rund fünf Prozent der Pflichtschüler Förderbedarf – das Bildungsministerium zieht aber bei 2,7 Prozent die Grenze. Brandsteidl: "Das ist so, als würde ein Krankenhaus sagen, wir behandeln heuer 1000 Beinbrüche."

Für die Schüler wirke sich dies in einer Reduktion des Angebotes aus: "Wir arbeiten mit den Lehrern, die es gibt, aber wir werden nicht alle Kurse voll anbieten." Man stehe aber in Verhandlungen.

Grün-schwarze Kritik

Ebenhier setzt indes die einhellige Kritik von Grünen und Wiener VP an: Den Lehrerengpass, sind sich Susanne Jerusalem und VP-Bildungssprecher Walter Strobl einig, "hat der Bürgermeister mit eigenen Händen in die Stadt getragen" (Strobl): Bei den Finanzausgleichsverhandlungen 2000 habe Häupl zugestimmt, die Lehrer-Schüler-Quote zu senken. So sollte etwa in Volksschulen der Schlüssel von einem Lehrer auf 13,83 Schüler bis 2004 auf eins zu 14,5 gehoben werden.

Im Klartext: Ab dem Schuljahr 2001/02 sollten 14,5 Prozent der Lehrer eingespart werden. Die Konsequenz: Anhebung der Klassenschülerhöchstzahlen auf bis zu 29 Kinder. Einschneidende Kürzungen bei Freigegenständen. Extreme Einschnitte beim Stütz- und Förderunterricht. "Das", so Jerusalem, "hat man uns im Stadtschulrat schon 2001 so angekündigt."

Von Sonderkontingenten – etwa im sonderpädagogischen Bereich – stehe in dem von Häupl unterzeichneten Vertrag "nichts drin", erklärt die Grünpolitikerin bedauernd.

VP-Gemeinderat Strobl stößt ins gleiche Horn: "Wenn ein Landeshauptmann 2000 gravierenden Kürzungen zustimmt, kann er nicht vier Jahre später verlangen, das Schulsystem ohne Änderungen beizubehalten." Für die Grünen und die VP ist deshalb klar: Sollten alle Verhandlungen mit dem Bildungsministerium über Sonderkontingente nichts fruchten, "muss Wien die benötigten Lehrer selbst bezahlen".

Eine Anmutung, die von der SP-Stadtregierung abgeschmettert wird: Für Häupl ist sie Wien gegenüber "unsolidarisch". Und Laska geht es ums Prinzip. Sie kann sich "nicht vorstellen, dass es von der finanziellen Kraft und dem Willen der Länder und Gemeinden abhängig ist, in welchem Ausmaß das Bildungssystem finanziert wird". (red, Der Standard, Printausgabe, 08.09.2004)

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