Ex-KGB-Spion demontiert Putin

21. September 2004, 19:52
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Im britischen "Daily Telegraph" erhebt der Ex-KGB-Offizier Oleg Gordievsky massive Vorwürfe gegen den russischen Präsidenten - Ein Kommentar der anderen

Menschenleben sind Putin gleichgültig. Als das Atom-U-Boot in der Baltischen See sank und 118 Besatzungsmitglieder in der Tiefe langsam zu Tode froren, hat er es nicht einmal für wert befunden, seinen Urlaub zu unterbrechen. die Tausenden Opfer des Tschetschenienkriegs kümmern ihn ebenso wenig. Er betrachtet das als angemessenen Preis für seinen Machterhalt. Das ist die traditionelle KGB-Sicht, die mir von meiner Zeit in dieser Organisation nur allzu vertraut ist.

Die russische Armee und die Sicherheitskräfte agieren in einer Weise, die Verluste ganz bewusst einkalkuliert – und Putin hat diese Haltung honoriert. Beispielsweise haben während seiner Präsidentschaft mehr als 1000 Jungrekruten während der Ausbildung ihr Leben verloren – in der Mehrzahl der Fälle als Folge der Schindereien ihrer Ausbildner. Und was hat Putin dazu gesagt? Kein Wort. Putin glaubt, er könne die Tschetschenen unter seine Knute prügeln. Und selbst die toten Kinder von Beslan werden ihn nicht eines Besseren zu belehren. Er wird nie einen Fehler eingestehen. Dabei sind die Gründe für Russlands unnachgiebige Haltung gegenüber den tschetschenischen Autonomiebemühungen kaum nachzuvollziehen: Tschetscheniens Ölreserven sind nahezu aufgebraucht, das Land verfügt über keine nennenswerten sonstigen Rohstoffe; und seine "strategische" Bedeutung für Russland ist weit gehend ein Mythos. Die meisten Tschetschenen sind auch keine wirklichen Islamisten, geschweige denn islamische Fundamentalisten, Und ich halte es – entgegen den Behauptungen der Regierung – für so gut wie ausgeschlossen, dass Al-Kaida- Kämpfer in die Aktion von Beslan verwickelt waren.

Putin hat es aber geschafft, die Welt – insbesondere Bush und Blair – davon zu überzeugen, dass der Tschetschenienkrieg Teil des weltweiten "Krieges gegen den Terror" ist. Ist er nicht. Das ist ein völlig unnötiger Bürgerkrieg und hat mit Bin Laden & Co. so gut wie gar nichts zu tun.

Kein zivilisierter Mensch kann leugnen, dass der Anschlag der Geiselnehmer einen neuen Tiefpunkt der Barbarei markiert. Aber in Präsident Putin haben sie einen Gegner, dem Menschenleben ebenso egal sind wie ihnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 8. 9. 2004)

Oleg Gordievsky ist ein ehemaliger ranghöchster KGB-Offizier und Doppelagent im Dienst der MI6
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