Fiat "hat erstes Gleichgewicht gefunden"

19. September 2004, 19:12
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Fiat Auto-Chef Herbert Demel erzählt im STANDARD-Interview, wie es ihm gelungen ist, die verkrusteten Strukturen des Traditionsbetriebs aufzubrechen

STANDARD: Der ursprüngliche Sanierungsplan des im Frühjahr verabschiedeten Fiat-CEO Giuseppe Morchio sah bereits den operativen Breakeven für Fiat Auto im Jahr 2005 vor. Nun wurde er um ein weiteres Jahr verschoben. Was ist der Grund?

Demel: Der Sanierungsplan von Morchio war gut und richtig, sicher aber zu ehrgeizig. Der Plan ist davon ausgegangen, dass wir schneller im Volumen wachsen als wir es tatsächlich tun. Auch hätten wir 2003 auf einer anderen Ausgangsbasis sein müssen, um das Ziel zu erreichen. Immerhin sind wir im ersten Halbjahr 20004 am europäischen Markt sowohl im Volumen wie auch im Mix besser geworden und schneller gewachsen als die europäische Konkurrenz. Im Schnitt haben wir in den ersten sechs Monaten am europäischen Markt zwei Prozent zugelegt. Ich ziehe ein konstantes Wachstum einer übertrieben schnellen Wachstumsdynamik vor.

STANDARD: Fiat konzentriert sich seit je auf Kleinautos und ist im mittleren und oberen Segment, wo die Margen höher sind, schwächer vertreten. Wollen Sie in den nächsten Jahren stärker in das mittlere und obere Segment einsteigen?

Demel: Fiat wird in der zweiten Jahreshälfte 2005 einen neuen Wagen im oberen Segment auf den Markt bringen. Auch wird der Stilo (VW-Golf- Konkurrent, Anm.) in zwei bis drei Jahren erneuert werden. Wir haben jedoch bei Kleinwagen, etwa mit dem neuen Panda, einen Marktanteil von 33 Prozent erreicht, der Punto ist in seinem Segment das meistverkaufte Auto. Fiat soll künftig im Volumensegment tonangebend sein, Lancia wird sich auf das Luxussegment und Alfa auf das sportliche Segment konzentrieren. Alfa und Lancia haben einander bisher eine gewisse Konkurrenz gemacht, das soll in Zukunft vermieden werden.

STANDARD: Ursprünglich war geplant, dass Alfa auch in den USA vertrieben wird?

Demel: Es gibt derzeit dafür keine konkreten Pläne, aber die Sehnsucht bleibt.

STANDARD: Es heißt, dass das "Made in Italy" stärker betont werden soll. Was bedeutet, Autos im italienischen Stil herzustellen?

Demel: Ich verstehe darunter Kreativität, ausdrucksstarkes Design, praktische und hübsche Lösungen für Details. Es ist wichtig, der Marke das "gewisse Etwas" zu verleihen, kurz die Italianità im Auto sichtbar zu machen.

STANDARD: Fiat hat erst kürzlich eine neue Managementstruktur geschaffen bzw. die Struktur gestrafft und verzichtet auf die so genannten "Business-Units". Was versprechen Sie sich von der neuen Matrix-Führungsstruktur? Wie viel wollen Sie damit sparen?

Demel: Kosteneinsparungen stehen nicht im Fokus der Thematik. Wir beabsichtigen damit eine flache Hierarchie zu schaffen. Die unternehmerische Verantwortung im mittleren Management soll gesteigert, die Teambildung gefördert, die Geschwindigkeit der Entscheidungen und die Umsetzung dieser Entscheidungen beschleunigt werden. Ich kam ohne jeglichen "Missions"-Gedanken hierher und wollte mich vorerst integrieren, um zu erkennen, was verändert werden muss. Wir haben von unten mit den Veränderungen angefangen und führen sie nun auf den anderen Ebenen fort.

STANDARD: Ist die Umstrukturierung abgeschlossen?

Demel: Keineswegs, sie hat inzwischen ihr erstes Gleichgewicht gefunden.

STANDARD: Sie haben wissen lassen, dass Fiat Auto keine anderen Werke schließen wird. Wie können sie die fünf Fiat-Werke in Italien, und jene in Polen, der Türkei und Brasilien bei vollem Regime nutzen und zwei Millionen Autos pro Jahr herstellen?

Demel: Unser Problem sind nicht die Kapazitäten und die Kapazitätsauslastung. Mit 46.000 Beschäftigten zwei Millionen Autos herzustellen ist o.k. Wir müssen aber die Strukturen anpassen: wie etwa die Fläche um ein Drittel einschränken. (Auf dem Industriegelände des Turiner Werks Mirafiori sollen sich künftig auch andere Industrieunternehmen ansiedeln, Anm.).

STANDARD: Wo liegen ihre Exportschwerpunkte?

Demel: Wir konzentrieren uns auf jene Märkte, in denen wir ohnehin schon präsent sind. Dabei kommt dem erweiterten Europa, dem Europa der 25, die wichtigste Rolle zu. An zweiter Stelle stehen Südamerika und die Türkei, an dritter Stelle China und Asien. Das Risiko in China sehe ich nicht etwa darin, dass die Blase platzt, sondern viel eher darin, dass chinesische Autos in Zukunft nach Europa kommen.

STANDARD: Hat die europäische Autoindustrie vor diesem Hintergrund noch eine Zukunft?

Demel: Die Autoindustrie muss dort Autos bauen, wo der Boom stattfindet. Wir müssen uns auch mit dem Gedanken anfreunden, dass Qualität nicht nur in Europa hergestellt wird.

STANDARD: Wie erklären Sie, dass Fiat auf kleinen Märkten mehr Erfolg hat als auf größeren? So ist Fiat in Österreich besser platziert als in Deutschland.

Demel: Österreich ist einer unser erfolgreichsten Märkte mit einem Marktanteil von 6,4 Prozent im Zeitraum Jänner bis Juli. Da stimmt einfach das Netz zwischen Zentrum, Handel und Kunden.

STANDARD: Haben Sie sich an das Leben in Turin gewöhnt?

Demel: Turin ist perfekt. Es braucht nicht viel, sich an den italienischen Lebensstil und die Lebensart zu gewöhnen. Und: Wir sind in einer Stunde beim Skifahren und in anderthalb Stunden am Meer. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.9.2004)

Zur Person

Der 50-jährige Wiener Herbert Demel legte bisher eine fast lupenreine Karriere vor. Bereits während seines Studiums an der Technischen Universität in Wien brillierte er bei Verbrennungsmotoren und Kfz-Technik. Nach seiner Promotion avancierte er relativ schnell zum Vorstand bei Bosch, danach zum Vorstandssprecher bei Audi in Ingolstadt.
Er wurde kurz auch als Nachfolger von VW-Chef Ferdinand Piëch gehandelt. Vor seinem Umzug nach Turin war er noch Chef bei VW do Brasil und bei Magna Steyr. Mit seiner legeren Art gilt er als Exot im Turiner Corso Giovanni Agnelli 200, der Firmenzentrale der Fiat-Autosparte. (tkb)

Das Gespräch führte Thesy Kness-Bastaroli.
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    Der frühere VW- und Magna-Manager Herbert Demel steht seit zehn Monaten an der Spitze von Fiat Auto.

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