Mehr Analphabeten als Volksschüler

10. September 2004, 16:10
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In Österreich möglicherweise ein halbe Million Betroffene - Immer noch ein Tabuthema

Wien - In Österreich könnte es mittlerweile mehr Analphabeten als Volksschüler geben. Während laut Bildungsministerium heuer rund 360.000 Kinder die Volksschulen frequentieren, könnten in Österreich nach Schätzungen bis zu eine halbe Million Menschen leben, die des Schreibens und Lesens nicht mächtig sind. Offizielle Zahlen zum Analphabetismus gibt es bis dato keine, eigentlich bezeichnend für ein Tabuthema. Am Mittwoch ist "Weltalphabetisierungstag".

Am wenigsten ehrenrührig ist es dabei noch für Immigranten, auch im höheren Alter noch einmal die Schulbank zu drücken. Etwa zwei Drittel der Interessenten für Kurse etwa Polycollege Stöbergasse sind daher Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache, berichtete Judith Wenninger vom Polycollege gegenüber der APA. Personen, die immer in Österreich gelebt haben, und dennoch nicht lesen und schreiben können, zeigen deutlich mehr Scham über ihr Unvermögen. Dennoch: Zu spät ist es nie, Lesen und Schreiben kann in jedem Alter erlernt werden, ist die Expertin überzeugt.

Totgeschwiegen

Analphabetismus wird heute vielfach noch totgeschwiegen, die Betroffenen entwickeln teilweise ein erstaunliches Geschick, ihr Manko zu verbergen. Das beginnt bei der "vergessenen Brille" und reicht bis zur "verstauchten Hand". Was vor Jahrzehnten noch halbwegs zu bewerktstelligen war, wird aber im Zeitalter der Computerisierung zunehmend zum Problem. So sind Analphabeten heute praktisch nicht mehr im Stande, einen Behördenweg zu erledigen. Selbst bei der Jobsuche am Arbeitsmarktservice (AMS) ist ohne die Fähigkeit, Lesen zu können, Sendepause.

Generell unterscheiden Bildungsexperten primären, sekundären und funktionalen Analphabetismus. Im ersten Fall wurde das Lesen und Schreiben nie erlernt, im zweiten Fall durch Nichtgebrauch wieder vergessen. Beim funktionalen Analphabetismus können Menschen zwar teilweise Lesen und Schreiben, sind aber nicht fähig, etwa einen gelesenen Text zu verstehen oder wiederzugeben. Laut PISA-Studie sind rund 18 bis 20 Prozent der fünfzehn- bis sechzehnjährigen in Österreich als "schlechte Leser" einzustufen.

Erwachsenenbildungseinrichtungen bieten maßgeschneiderte Kurse für Menschen, die das Lernen von Lesen und Schreiben nachholen wollen. Etwa im Polycollege gibt es eigene Kurse für Menschen mit deutscher Muttersprache, die Einteilung je nach Vorkenntnissen erfolgt nach individuellen Gesprächen.(APA)

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    In Österreich könnten bis zu eine halbe Million Menschen leben, die des Schreibens und Lesens nicht mächtig sind.

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