"Burnout" statt Motivation bei Feuerlauf

10. September 2004, 16:10
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Selbsterfahrungstrip auf glühenden Kohlen endete für sieben Teilnehmer im Spital - Mit Wissen

Linz - Geplant war der Lauf über glühende Kohle eigentlich zur Mobilisierung der eigenen Kraft- und Energiezentren, das Resultat war aber eher ein Fall für die Verbrennungsspezialisten am Linzer Unfallkrankenhaus: Sieben Teilnehmer eines Motivationsseminars im Mühlviertler Bezirk Rohrbach erlitten - laut einem Bericht in der Montag-Ausgabe der Oberösterreichischen Nachrichten - am vergangenen Wochenende beim Barfuß-Gang über einen bis zu 800 Grad heißen Kohlenteppich Verbrennungen zweiten Grades an den Fußsohlen.

Heiße Selbsterfahrung

Feuerläufe über Kohlenteppiche sind bei Motivationstrainern ein durchaus beliebtes Mittel, um vor allem den Zusammenhalt der Gruppe und die Energiereserven der einzelnen Mitglieder zu stärken. Üblicherweise wird bei solchen Seminaren ein Kohlenteppich in einer Länge von bis zu zehn Metern gelegt und angezündet. Nachdem die Flammen niedergebrannt sind, wagen die Teilnehmer nach dem Motto "Wenn du es geschafft hast, über glühende Kohlen zu laufen, kannst du in deinem Leben alles vollbringen" die entscheidenden Schritte über die Kohlen. Trotz der hohen Gluttemperaturen kommt es bei entsprechender Vorbereitung normalerweise nur selten zu Verletzungen.

Ausnahmen bestätigen aber offensichtlich auch die Motivationsregeln. Die Erfahrung bei dem Selbstfindungstrip im Mühlviertel war zumindest für die sieben "Hobbygurus" eine sehr schmerzhafte. Ob der Zwischenfall auch strafrechtliche Konsequenzen haben könnte, ist derzeit noch unklar. Da es sich offensichtlich um zahlende Teilnehmer gehandelt habe, hätten diese theoretisch auch die Möglichkeit, Schmerzensgeld einzufordern, hieß es am Dienstag beim zuständigen Gendarmerieposten Rohrbach auf Anfrage des STANDARD. Derzeit liege aber noch keine Anzeige eines Betroffenen vor.

Die sieben Seminarteilnehmer konnten inzwischen, nach entsprechender fachärztlicher Behandlung ihrer "Grenzerfahrungen", wieder in häusliche Pflege entlassen werden. Dass sie schon demnächst wieder "eine heiße Sohle aufs Motivationsparkett legen", dürfte aber eher unwahrscheinlich sein. (mro/DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2004)Kohle und Physik

Wer über glühende Kohlen geht, ohne sich zu verletzen, muss nicht besonders motiviert sein. Denn Physiker und Mediziner erklären das Phänomen recht simpel: Kohlen sind nämlich recht schlechte Wärmeleiter, speziell wenn sie schon mit einer dünnen Aschenschicht überzogen sind. Bei den so genanten Feuerläufen sind die Fußsohlen nur relativ kurze Zeit mit der Hitzequelle in Kontakt - zu kurz, um die Haut zu verbrennen. Dazu kommt der "Leidenfrost-Effekt": Die dünne Schweißschicht auf den Fußsohlen verdampft bei der Übung und wird dadurch zu einem zusätzlichen Wärmeisolator.

Um gefahrlos über Kohlen gehen zu können, bedarf es aber entsprechender Vorbereitung. So darf die Strecke nicht zu heiß sein, die Teilnehmer müssen sich außerdem schnell genug bewegen, um Brandblasen zu vermeiden. Die können auch entstehen, wenn Glutstückchen zwischen den Zehen hängen bleiben. (moe/DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2004)

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