7.9.: Ilse Aichinger über den "Austrokoffer"

14. September 2004, 15:18
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Die Angst vor dem Scheintod steigt - Wer möchte auch in einem Koffer landen, der vom "Meister der Seelenmalerei" bemalt wurde

Die Geburt des Austrokoffers aus dem Gefühl: Literatur ist, was mein Herz erfreut. Zur bequemen Reise aus dem Reich, wo uns jeder kann, ins Reich, wo uns keiner kann, dient der Austrokoffer." (Nenning) Die Reise mit dem Austrokoffer soll bequem sein, die Literatur auch. Und alles bei der Hand. Schüssel ist entschlossen, das nächste Jahr zum Jubeljahr zu machen. Allein der unsägliche Plan, seine Erfinder und ihre Formulierungen ("Das kleine Österreich ist eine kulturelle Großmacht") reichen.

Wer möchte auch in einem Koffer landen, der von Peter Pongratz, dem "Meister der Seelenmalerei", bemalt und von diesem in den Ferien auf der Insel Korcula geschaffen wurde? Die Angst vor dem Scheintod steigt: und der Scheintod im von Schüssel konzipierten, handbemalten Gesamtkunstwerk - zugleich mit 130 Autoren und Autorinnen? Man beginnt sich anlässlich dieses Koffers nach der "reinen, anlasslosen Müdigkeit" zu sehnen, von der Cioran spricht. "Denn das ist die Eigenschaft aller echten Form, dass der Geist augenblicklich und unmittelbar daraus hervortritt, während die mangelhafte Form ihn, wie ein schlechter Spiegel, gebunden hält und uns an nichts erinnert als an sich selbst." (Heinrich von Kleist) Einen solchen Namen bemühe ich nur, um es rasch zu machen, um das Thema "Austrokoffer" abzuwürgen. Und nicht einmal das verdient es. (Ilse Aichinger/DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2004)

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