Der schwarze Rosensonntag

7. September 2004, 11:43
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Kleists "Penthesilea" zum Saisonauftakt im Wiener Volkstheater

Wien - Die stolzen Griechenfürsten, eine Horde ältlicher Aristokratenkampfsportler mit einer Anzahl Wasser spendender Lustknaben auf dem pechschwarzen Degen-Fechtgelände vor Troja, beschreiben das zunächst unsichtbare Herannahen von Kleists Penthesilea, als müssten sie in ein besonders mürbes Stück Aas hineinbeißen. Die Rätselhafte, obgleich errötend wie ein sechzehnjähriges Mädchen, erzählen sie, sei eine "Furie", eine Rasende, eine Heimsuchung in der Art eines Erdrutsches oder eines Gewittersturmes. Nichts Gesundes, Frauliches hafte ihrem gleichwohl begehrenswerten Leib an.

Von ihren hervorgenuschelten Reclam-Referaten berauscht, treten die "Argiver" anschließend zur sabbernden Gruppe von Mauerschauern zusammen: Verkeilen sich ineinander, verbiegen sich in ihren lehmbefleckten Wämsern, fletschen die Zähne und rollen hirnwütig die Augen.

Regisseur Alexander Kubelka erzählt im Wiener Volkstheater anstatt vom ewigen Rätsel namens Heinrich von Kleist von der Zumutung, die ihm das dunkelste, beklemmendste aller deutschen "Trauerspiele" geblieben ist. Er mag sich nicht vorstellen, was das sein könnte: eine kriegerische, womöglich "afrikanische" Fabelprinzessin, die sich, halb Tier, halb Mensch, kopfüber auf den strahlendsten aller Helden stürzt, als wäre der eine finstere Schlucht, in der man glückstrahlend alle Hoffnungen begräbt.

Angeber Achilles

Umso bedauerlicher, dass es sich im Volkstheater bei besagtem Achilles (Andreas Patton) um einen zottigen, sportiven Angebertypen handelt - jemanden, der als Motorradfahrer und Discobesucher, sehr zum Leidwesen der übrigen Griechen, stets die "Miss Wet-T-Shirt" abkriegt.

Auf Paul Lerchbaumers kahler Bühne, die bei Gelegenheit kriegerischer Liebesanbahnungen mit einer abwaschbaren Plastikplane sowie mit einem rosengeblümten Duschvorhang aus dem Schnürboden aufwartet, tobt der offene Zickenkrieg.

Penthesilea (Andrea Eckert), diese exotisch schöne Tigerin, die wie "ein Blitz auf Scheitel niederstürzt", ist ein bestürzend ängstliches, scheues Reh, dem man die schüchterne Beklemmung anmerkt. Wie schön wäre es für sie, aus diesem verdutzten, täppischen Freier einen begehrenswerten Bräutigam zu machen. Vielleicht hat sie in ihrer skythischen Heimat sogar ein Robbie-Williams-Poster hängen. Vielleicht raucht sie heimlich Multifilterzigaretten und lackiert sich um Mitternacht, wenn die Eule schreit, die Nägel. Eckert, so scheint's, schlägt sich auf gut Glück und auf eigene Rechnung durch das Dickicht dieser szenischen Kleist-Verunglimpfung, die das An- und Abschwellen zweier Urhorden in einen Amazonengeburtstag umdichtet, komplett mit Blumenbogenspannen und prämatrimonialem Rosenklauben. Mit einer Konsonanten mahlenden Oberpriesterin (Vera Borek), die über Schulmädchen gebietet, deren Gänschenhaftigkeit vom lehmziegelstaubigen Ernst der Gespielinnen Prothoe (Julia Cencig) und Meroe (Vivien Löschner) absticht. Eckert blickt unverwandt in das Innere ihrer Figur hinein. Sie gräbt förmlich nach dem Entsetzen, nach jenem "Erz", das "im Schacht ihres Busens" auf Verarbeitung wartet. Ihre bloß rapportierte Zerfleischung des nach Unterwerfung gierenden Achilles löst eine letzte, selige Erschlaffung in ihr aus. Sie drückt die Hand des Toten an sich, und einen Moment lang ist diese Inszenierung dort, wo sie während zweier entsetzensreicher Stunden nie gewesen ist, ganz bei ihr - bei sich. Was für eine Penthesilea-Inszenierung hätte diese Schauspielerin verdient gehabt. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2004)

Von
Ronald Pohl
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    Halb zieht sie ihn, halb sinkt sie hin: Penthesilea (Andrea Eckert) auf Bräutigam-schau bei Achilles (Andreas Patton).

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