22 Kilo Rohstoffe pro Tag und Mensch

20. September 2004, 11:09
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Weltressourcen­verbrauch: Industrieländer setzen Rohstoffe 20-mal so effektiv ein wie ärmere Länder

Wien - 50 Milliarden Tonnen an Rohstoffen werden jährlich der Erde entnommen. Hätten die Entwicklungsländer das Wohlstandsniveau der Industrieländer, wäre der Verbrauch doppelt so hoch. Das zeigt eine weltweite Materialentnahmerechnung des Instituts für Soziale Ökologie (IFF) in Wien.

Hintergrund ist die jüngste Empfehlung der G-8-Industriestaaten an die OECD-Mitglieder, ihren Rohstoffabbau zu Buche zu bringen. Mit den Daten sollen Strategien für einen effizienteren Umgang mit den Ressourcen des Planeten entwickelt werden. Eine erweiterte Wohlstandsrechnung soll nicht nur Bruttoinlandsprodukte, sondern auch Verbrauch und Verteilung von Rohstoffen beinhalten.

Ähnliches hatte zuvor das World Resources Institute berechnet und sich dabei auch auf Umweltverschmutzung konzentriert. In den Industriestaaten sei diese zwischen 1975 und 2000 um 28 Prozent gestiegen: Ein weiterer Anstieg sei ökologisch nicht tragbar.

Die Autoren des neuen Berichts, die Umweltwissenschafter Heinz Schandl und Nina Eisenmenger, sehen es ähnlich: "Jeder Mensch produziert schon jetzt 4,2 Tonnen CO jährlich", betont Schandl im STANDARD-Gespräch. 7,6 der entnommenen 50 Milliarden Tonnen seien fossile Energieträger - wie Kohle, Erdöl, Erdgas und Torf. An die Grenzen ihrer Ressourcen sei die Erde jedoch noch nicht gestoßen: Die Umweltforscher sehen derzeit höchstens vorübergehende Engpässe aufgrund von politischen Konflikten.

Tonnen pro Kopf

Schandl und Eisenmenger verglichen den Verbrauch von Biomasse, Erzen, Industriemineralien, Baumaterialien und fossilen Energieträgern in 225 Ländern. Berechnungsgrundlagen sind Länderstatistiken und jene der Food and Agriculture Organisation (FAO) sowie die UN-Berichte zu Energieverbrauch und BIP.

1999 entnahm und verbrauchte jeder Einzelne 8,1 Tonnen Rohstoff pro Jahr oder 22 Kilo pro Tag. Die Industrieländer entnahmen mit 17,1 Tonnen pro Kopf am meisten. Die ehemaligen Planwirtschaften lagen mit zehn Tonnen über dem Weltdurchschnitt. Die Entwicklungsländer hingegen entnahmen nur 6,7, die ärmsten Länder nur 4,1 Tonnen.

20-mal effektiver

Zwar hätten die meisten armen Länder ebenso viele Ressourcen wie die Industrieländer. "Aber sie profitieren von ihren Schätzen nicht im selben Maß", sagt Schandl. Zwar kostet in den Industrieländern die Arbeit ein Vielfaches, "jedoch setzen sie ihre Rohstoffe 20-mal so effektiv ein."

Im Weltdurchschnitt werden 1,6 Kilo Material pro US-Dollar Wertschöpfung entnommen. In den ärmsten Ländern sind es jedoch 13 Kilo pro US-Dollar und in den Industrieländern nur 0,6. Denn "die Industrieländer haben Dienstleistungen ausgebaut und die Rohstoffgewinnung in die ärmeren Länder ausgelagert, die sich die Strukturen zu deren Veredelung nicht leisten können", erklärt Schandl.

Laos etwa profitiere kaum vom Verkauf seines Holzes - Brasilien hingegen schon, weil es auch Holzmöbel liefern könne. Schandl geht hier mit Club-of-Rome-Autor Dennis L. Meadows konform. Dieser hatte im STANDARD-Interview betont, dass Rohstoffgewinnung immer aufwändigerer Strukturen bedürfe - was unterm Strich zu weniger Output für dasselbe Geld führe: Ärmere Länder würden noch ärmer.

"Messung in Tonnen ist zu simpel"

Für Stefan Schleicher, Professor für Volkswirtschaft an der Uni Graz, ist die Sache um ein paar Nuancen anders gelagert. "Den Weltressourcenverbrauch in Tonnen zu messen ist zu simpel", sagt der Wirtschaftsforscher: Denn "ein Kilo Schotter hat eine andere Qualität und politische Sensibilität als ein Liter Öl".

Auch sieht er die Zukunft der ärmeren Länder weniger düster: "Zwar ist der Aufwand, um Öl nach Afrika zu transportieren, enorm. Dort könnte man jedoch mit ganz wenig Infrastruktur aus Sonnenlicht Strom erzeugen." Die Materialrechnung greife zu kurz. (Eva Stanzl/DER STANDARD Printausgabe, 07.09.2004)

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