Linz, wie es surft und lacht

6. September 2004, 19:40
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Das Festival geht Dienstag Abend zu Ende: Die Rebellen von einst spielen Golf, und die Jugend trifft sich wieder im Schatten der Franz-Josephs-Warte

Das 25. Festival für Kunst, Technologie und Medien in Linz hat wieder gezeigt, was alles machbar ist: Die Rebellen von einst spielen Golf, und die Jugend trifft sich wieder im Schatten der Franz-Josephs-Warte.


Linz - Ständig werden alle älter. Mittlerweile ist es so arg geworden, dass selbst die Linzer Stadtwerkstadt zum Golf lädt. Und weil gerade Ars Electronica ist, schlägt man als Gast zwar ganz real ab, zum eventuellen Birdy aber gelangt es dann im Virtuellen.

So weit, so konventionell. So etwas kann man heutzutage in jedem besseren Fitnesscenter bzw. sogar im Eigenheim erleben. Und also haben sich die Stadtwerkstädter ihres vor sehr langer Zeit virulenten Potenzials als Gegenkulturanbieter besonnen.

Echt subversiv wäre es, dürften die sich gedacht haben, anstatt einzulochen, sich selbst abzuschießen. Demnach hat am Urfahrer Donauufer jetzt der das geringste Handicap, der weit unter Par seinen Schatten trifft. Und dann Prost.

Auf zu Evening in the Gardens - zum Chillen mit den Veteranen Sam Auinger, Fadi Dorninger und Peter Androsch. Hoch über den Dächern von Linz gab es dazu Bier und Brathendln und Soundstreams vor der idyllischen Kulisse der Franz-Josephs-Warte. Lau war es, und auch noch sternenklar, und kulturell aktiv war man dabei sowieso, und eigentlich könnte es so etwas den ganzen Sommer lang geben. Für mindestens die nächsten Jahre.

Zukunft schreiben

Bis es dann endgültig heißt: Oben das Chillen, unten die Kulturhauptstadt, in der sich die Pixar-Studios gerade wieder einen Prix-Ars-Electronica vom Bürgermeister überreichen lassen. Bis es aber soweit ist, wird noch viel Interaktivität in den Public- und Cyberspaces verpuffen. So wie heute gerade noch am Linzer Hauptplatz: Zu einem Gerüst kam es eben dort, wo früher noch die Spermien kritisch kompetitiv um die Wette schwanzelten. Der wanderbare Aufbau verstand sich zum Zeitpunkt seiner Gleichenfeier noch als himmelstürmende Blanko-Wandzeitung, jetzt ist er, toilettengleich, voll mit Visionen. Linzer wie Gäste haben sich Gedanken betreffend der Zukunft gemacht, zu Stift, Schere, Klebstoff und Papier gegriffen und notiert, wie es einmal sein wird, wenn die Deathclock im Offenen Kulturzentrum, ihr aller Finale eingeläutet haben wird.

Die avancierteren unter den dilettierenden Zukunftsforschern konnten ihre Prognosen auch elektronisch übermitteln. In 25 Jahren heißt es, werden die Vorhersagen ihren Absendern rückübermittelt: zur Überprüfung, zum Gaudium, zum Staunen. In 25 Jahren, kann man heute in der Wandzeitung lesen, "wird die ganze Welt bei der EU sein - außer England". In 25 Jahren wird die Ars Electronica fünfzig, und man sollte jetzt schon Time-Capsules mit den Bedienungsanleitungen der heutigen E-Mail-Programme anlegen, auf dass die Stadt auch halten wird können, was sie jetzt verspricht: die Post zuzustellen. Schließlich war es 2004 schon einigermaßen schwierig, die Programme für die retrospektive Präsentation der Siegerbeiträge der frühen 90er-Jahre zu rekonstruieren.

Bleibt die Frage, ob sich eine der Konstanten des Festivals auch zum 50er noch finden lassen wird - und zwar die Kakerlake. Nach dem unvergessenen cockroachrace der Stadtwerkstadt kam der generalresistente Käfer auch heuer wieder zu Festivalehren: Die Linzer Kunstuniversität wurde kurzfristig zur Außenstelle des IAMAS, der International Academy of Media Arts and Sciences.

Und Etsuko Maesaki, Studentin, hat sich gefragt, wie virtuelle Insekten auf die Bewegungen einer realen Kakerlake wohl reagieren mögen. Und also klopft man so lange auf ein Terrarium, bis sich der Käfer angewidert abwendet, und postwendend verfallen rot/weiße Punkte (virtuelle Insekten) in kollektive Hysterie. Die Kakerlake stammt aus einer Linzer Tierhandlung. Einem Geschäft mit Zukunft. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2004)

Von
Markus Mittringer

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tga-net.com
  • "Bug???": Die Arbeit der IAMAS-Studentin Etsuko Maesaki untersucht die Reaktion virtueller Insekten auf die Bewegungen echter Kakerlaken.
    foto: aec

    "Bug???": Die Arbeit der IAMAS-Studentin Etsuko Maesaki untersucht die Reaktion virtueller Insekten auf die Bewegungen echter Kakerlaken.

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