"Ununterbrochene Lügenchronik"

8. September 2004, 07:59
18 Postings

Staatstrauer in Russland und scharfe Kritik von Medien nach dem Geiseldrama mit 300 bis 500 Toten - 100 Opfer bisher nicht identifiziert

Mit einer zweitägigen Staatstrauer gedenkt das offizielle Russland der vermutlich mehr als 500 Todesopfer des Geiseldramas von Beslan. Unabhängige Medien bezichtigen die Behörden unterdessen der fortgesetzten Desinformation.

* * *

Moskau - Erstmals in der postsowjetischen Geschichte Russlands herrscht zwei Tage Staatstrauer. Während die Fahnen am Montag auf Halbmast gesenkt wurden, begruben die Menschen im nordossetischen Beslan rund 120 Opfer des Geiseldramas.

Offiziell spricht man nach wie vor von 335 Toten, inoffiziell von 400 bis 500. 200 Menschen galten immer noch als vermisst. 400 Verletzte sind im Krankenhaus. "Es gibt nicht eine Familie in Beslan, und leider auch in ganz Ossetien, die nicht einen Toten zu beklagen hat", sagte Bürgermeister Boris Urtajew. Von den offiziell 335 Toten ist fast ein Drittel bisher nicht identifiziert worden. Jene 100 Leichen seien zum großen Teil bis zu Unkenntlichkeit entstellt, teilte der Einsatzstab mit.

Am meisten beschäftigt derzeit die Frage, was die plötzliche Eskalation am Freitagmittag hin zum Fiasko ausgelöst hat. Um ein Uhr Mittag detonierte ein Sprengsatz im Gebäude. Wie der Vermittler Ruslan Auschew angab, habe darauf eine "dritte Kraft" - unbekannte Landwehrmänner - zu schießen begonnen. Die Terroristen hätten dies als Sturmangriff gedeutet und mit der Sprengung gedroht.

Landwehr griff ein

Es sei kein Sturm gewesen, sondern anfänglich eine Schießerei zwischen Landwehrkräften und Terroristen, sagte der Journalist Andrej Soldatow im Radiosender Echo Moskwy: Die Antiterroreinsatzgruppe Alpha, die mehreren Meldungen zufolge erst 30 Minuten nach der Explosion am Unglücksort eintraf, sei dann mit den Landwehrkräften ins Gebäude gestürmt. Das Versagen habe darin bestanden, das Areal nicht großflächig abgeriegelt zu haben. Zehn Mitglieder der Spezialtruppen sollen getötet, 18 verletzt worden sein.

Der Sturmangriff sei kalkuliert gewesen, sagte der Militäranalytiker Pavel Felgenhauer im ZDF-Interview. Die Tarnung der ersten Gruppe als medizinisches Personal sei übliche Taktik: "Die Aktion war schlecht organisiert, aber das heißt nicht, dass sie nicht geplant war."

Tödlicher Streit unter Geiselnehmern

Russische Medien berichteten am Montag unter Berufung auf die Aussagen eines Tatverdächtigen, unter den Geiselnehmern sei es zu einem tödlichen Streit gekommen. Einige der Terroristen hätten von ihrem Anführer verlangt, die Kinder freizulassen. Daraufhin habe jener einen seiner Gefolgsleute erschossen und die Sprengstoffgürtel am Körper zweier "schwarzer Witwen" ferngezündet.

Der staatlich kontrollierte Fernsehsender Kanal Eins zeigte am Sonntag einen Mann, der als einer der tschetschenischen Geiselnehmer bezeichnet wurde. "Dieser Mann hat sich unmittelbar an dem Angriff beteiligt", sagte der stellvertretende russische Generalstaatsanwalt Sergej Fridinsky und kündigte die Anklageerhebung an. Der Mann - er wurde in Handschellen von schwer bewaffneten und maskierten Sicherheitskräften abgeführt - sagte in dem Beitrag: "Ich habe nicht geschossen. Ich schwöre bei Allah, ich habe nicht geschossen. Bei Allah, ich will leben."

Drei Verdächtige wurden nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax am Samstag in Beslan festgenommen. Ein ranghoher Beamter der Staatsanwaltschaft erklärte, die Zelle der Geiselnehmer sei vom tschetschenischen Rebellenführer Schamil Bassajew gegründet worden. Die Gruppe habe auch einen Überfall auf Sicherheitskräfte in der Nachbarrepublik Inguschetien im Juni verübt, bei dem 88 Menschen getötet wurden. Der mutmaßliche Anführer der Geiselnehmer, der Ingusche Magomed Jewlojew, wurde laut Interfax nicht unter den Toten entdeckt.

"Ständig lügt man uns an

In den relativ freien Printmedien Russlands hagelt es Kritik an den staatlichen Stellen. "Lügenchronik", titelte die Zeitung Moskowski Komsomolez: "Ständig lügt man uns an. Die letzten fünf Terroranschläge sind eine unaufhörliche Lügenchronik. 354 Geiseln waren in der Schule, 406 sind tot."

Desinformation befürchtet man auch bei der Zahl und der Herkunft der Terroristen. Anfänglich sprach man von 13 Flüchtigen, dann suchte man plötzlich vier, ohne dass man weitere fasste, setzt die Zeitung fort. Laut nordossetischem Innenministerium wurden drei Verdächtige festgenommen, andere nannten zum Schluss einen. Der Vizestaatsanwalt für Russlands südlichen Verwaltungskreis, Sergej Fridinski, dementierte dies und sprach nur von 32 getöteten - unter ihnen seien Tschetschenen, Inguschen, Tataren, Kasachen und Koreaner gewesen.

Zweifel an der Herkunft der Terroristen

Zuvor hatte es geheißen, dass auch Osseten, Russen, neun Araber und ein Schwarzer unbekannter Herkunft unter den Terroristen gewesen seien.

Einwohner von Beslan äußerten Zweifel an der arabischen und afrikanischen Herkunft von Terroristen. Die Bürger von Beslan wollen nun selbst eine regierungsunabhängige Untersuchungskommission einsetzen. (APA/Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Printausgabe 7.9.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Jede Familie in Beslan hat mindestens einen Toten zu beklagen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Laut Staatsfernsehen ein gefasster tschetschenischer Geiselnehmer. Ein STaatsanwalt hatte zuvor erklärt, alle 32 Geiselnehmer seien getötet worden.

Share if you care.