Das Immunsystem zu einer Chimäre machen

6. September 2004, 18:43
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Können nach einer Organtransplantation ohne gefährliche Medikamente Abstoßungsreaktionen vermieden werden? Ja, sagen Forscher

Wien - "Mir geht es ausgezeichnet", resümiert Andreas Schlader, "Ich muss nur aufpassen, wenn einer meiner Musikschüler verkühlt ist." Dann unterrichte der Oberösterreicher "nur aus drei Metern Entfernung". Der 38-jährige Saxofonist ist heute nämlich "sehr viel anfälliger" für Infektionskrankheiten als noch vor dem Jänner 1998.

Damals hatte der Dialysepatient an der Innsbrucker Uniklinik eine neue Niere bekommen. Das Spenderorgan vertrage er "super", seine Laborwerte seien "in Ordnung", nur fange er sich eben fast alle Viruskrankheiten ein, die gerade umgingen. Grund sind Arzneien, die Schlader zur Unterdrückung seines Abwehrsystems täglich schlucken muss.

Probleme der Immunsuppression waren Montag das Hauptthema des derzeit in Wien stattfindenden internationalen Transplantationskongresses. Denn die dafür eingesetzten Arzneien haben Nebenwirkungen: Durch das geschwächte Immunsystem sind Organempfänger anfälliger für Infekte und Krebs, die Medikamente selbst schädigen Organe, besonders die Nieren. Was also tun?

Hoffnung setzen Wissenschafter auf "gemischten Chimärismus", eine Vermischung der Immunsysteme von Spender und Empfänger - durch eine vor der Organverpflanzung durchgeführte Knochenmarkszellen-Transplantation.

Entscheidende Immunzellen werden im Knochenmark gebildet. Dort erhalten die Zellen die Information, welches Gewebe körpereigen ist und somit nicht angegriffen werden darf (scharf gemacht werden sie in den Lymphknoten, wo ihnen andere Zelltypen quasi den molekularen Steckbrief der Fremdkörper unter die Nase halten).

Durch die Transplantation von Knochenmarksstammzellen des Organspenders, die sich im Knochenmark des Empfängers ansiedeln, soll dieser schließlich Spender-Abwehrzellen bilden, die das später transplantierte Organ - egal ob Herz, Lunge, Leber oder Niere - als körpereigen erkennen und nicht angreifen. Ohne Immunsuppressiva. Bei Tieren sollen sie schon funktionieren. Und bei Menschen?

Michel Goldman vom Erasme-Spital in Brüssel behandelte zwei Leberkrebspatienten derart. Nach den Knochenmarkszellen erhielten sie Leberlappen von Verwandten: Keine Abstoßung. Der erste Patient starb nach 370 Tagen am Wiederauftreten des Tumors, der zweite lebt noch heute, 300 Tage danach, ohne Immunsuppressiva. Und Megan Sykes von der Uni Harvard in Bosten berichtete von entsprechendem Erfolg bei sechs Nierentransplantierten.

Doch es bleibt ein Problem: Der Empfänger muss zuerst die fremden Knochenmarksstammzellen akzeptieren. Eine intensive Strahlentherapie ist bei Transplantationspatienten aber nur ganz selten vertretbar. Auch Zytostatika können kaum verwendet werden. "Es geht nun darum, möglichst sanfte Methoden für diese Toleranz-Induktion zu finden", erklärte Thomas Wekerle von der Wiener Uniklinik. Und an solchen arbeitet der Forscher derzeit. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 9. 2004)

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    Robert Moss (64) betrachtet sein Herz. Nach Erhalt eines neuen Organs spendete er sein altes, krankes dem Science Museum in London. Nur 50 Prozent der Herztransplantierten überleben zehn Jahre. Wie diese Zeit zu verlängern ist, wird derzeit in Wien diskutiert.

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