Raketenzentrum mit eigener Nutzviehzucht

13. September 2004, 11:42
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Medienkorrespondenten wurden zum ersten Mal zu Chinas geheimnisumwitterter Raumfahrtbasis Jiuquan vorgelassen

Chinas ältester Raketenbahnhof, Jiuquan in der Raketenstadt Dongfeng (Ostwind), ist auf offiziellen Karten nicht eingezeichnet. Er liegt auf der Grenzlinie zwischen zwei Provinzen. Von hier aus schossen die Chinesen 1970 ihren ersten Satelliten namens "Der Osten ist rot" auf eine Umlaufbahn. Von hier aus wird nach 2010 auch die Mondfahrt starten.

Hao Yuan, ein hoher Funktionär aus Gansu, bestätigt ein lange gehütetes Geheimnis. Die Abschussrampen stehen auf dem Gebiet der Inneren Mongolei, alle anderen Anlagen gehören zur Provinz Gansu. Der 47-jährige Beamte begrüßt die Öffnung für die Medien. "Wir zeigen, dass wir für die internationale Kooperation bei Luft- und Raumfahrt offen sind." Die Zeit für mehr Transparenz sei reif.

Fotos verboten

Chinas Armee sieht das anders. Sie möchte den Schleier nicht zu weit lüften. Nach zehnstündiger Anreise im Zug bis zum Kreiszentrum übernimmt ein Polizeiwagen für uns die Eskorte. Fotografieren ist von nun an verboten. Jiuquan ist nicht nur ein ziviler Bahnhof für die Raumfahrt, sondern auch militärischer Startplatz.

Das Städtchen am Ruofluss wirkt wie aus der Retorte erschaffen. Straßenlampen sind in der Form von Raketen gebaut. Umhergehen ist verboten. Nur zögernd geben unsere Begleiter Auskünfte. Rund 35.000 Menschen sollen hier leben, darunter 15.000 Wissenschafter, Militärs und Angehörige. Für sie gibt es Poststelle, Hospital, Bank, Kino, Schulen und ein Hallenbad von olympischen Ausmaßen.

Betonierte Startrampe

Herzstück der Stadt ist sein 1997 gebautes, fünfstöckiges Kontrollzentrum. Wir dürfen nur in den riesigen Computerraum. Zu jedem Abschuss versammeln sich hier über 100 Wissenschafter. Wenn keine Starts anstehen, verlassen die meisten Experten die Stadt.

Im Süden der Stadt steht die 105 Meter hohe Startrampe aus Stahl, das Wahrzeichen des Raumbahnhofs. 500 Meter entfernt erhebt sich eine neue, 97 Meter hohe Abschussrampe. Sie ist, weltweites Novum, aus Beton. "Das ist billiger als Stahl und ebenso gut", verrät ein Ingenieur lakonisch.

Von beiden Rampen führen Schienen zur 93 Meter hohen Montagehalle. In ihr können gleichzeitig zwei der 58,3 Meter hohen "Langer Marsch"-Raketen aufrecht zusammengebaut und dann befördert werden. "Das ist weniger gefährlich, als am Boden zu montieren und dann aufzurichten", sagen die Experten.

Der Hangar wirkt ebenso verlassen wie die Rampen. Reger Betrieb herrscht nur in den Kuh- und Schweineställen. Mitten in der Wüste betreibt die Armee eine eigene Vieh-und Gemüsezucht.

Fragen weichen Jiuquans Beamte am liebsten aus. Yun Ning lacht verlegen, als wir wissen wollen, wann sich wieder Astronauten auf einen Raumflug vorbereiten: "Sie werden es aus den Zeitungen erfahren."

Nächster Start: 2005

In Peking ist man auskunftsfreudiger. Der nächste Start ist für das Jahr 2005 geplant. Zwei Astronauten sollen fünf Tage oder länger im Orbit kreisen, berichtete der Vizekommandeur für bemannte Raumfahrt, Hu Shixiang, schon im Frühjahr.

Am Ostwind-Platz blicken von riesigen Plakatwänden die drei Partei- und Militärchefs des Landes, Mao Tsetung, Deng Xiaoping und Jiang Zemin, herab. Fotografieren ist verboten.

Unter dem Bild von Mao steht sein Ausruf von 1957, kurz nachdem Russland seinen Sputnik ins All geschossen hatte: "Auch wir wollen Satelliten haben!" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 9. 2004)

Von Johnny Erling aus Jiuquan
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