Länger arbeiten – aber wie?

14. September 2004, 18:00
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Was Österreich von der Alterskultur, made in USA, lernen könnte - Kommentar der anderen von Alfred Pfabigan

Auf der Suche nach – nicht nur ökonomisch verträglichen Formen des Umgangs mit den Konsequenzen der zunehmenden Lebenserwartung: Was Österreich von der Alterskultur, made in USA, lernen könnte.

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Im vergangenen Sommer Erich Streissler, heuer Weltbank-Chef Robert Holzmann: Einmal im Jahr schafft es offenbar ein Ökonom mit der Feststellung in die Headlines, dass wir aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung "länger arbeiten müssen".

Wenn er Pech hat, dann macht man sich über ihn lustig, im Regelfall wird er ignoriert – es ist der österreichischen Alterskultur selbstverständlich und mit einem rigiden System von Zuverdienstbestimmungen auch abgesichert, dass selbst die viel kommentierten "aktiven Senioren" oder die "neuen Alten" zwar viel tun, aber keine Lohnarbeit leisten.

Reden wir also einmal über bezahlte Altersarbeit – nicht über den freiwilligen Sozialdienst, den Altersstudenten, den Leihopa oder den pensionierten Manager, der ein Startup berät. Das Thema ist heikel und erfordert Respekt: Es darf keine Altersnot geben, und wenn jemand nicht mehr arbeiten kann, dann ist das zu respektieren. Doch was ist mit den unzähligen anderen?

Strukturelle Frage

Lassen wir einmal die ökonomischen Argumente Holzmanns und Streisslers beiseite: Ist die Idee eines menschenwürdigen Alters tatsächlich mit dem "Ruhestand" im weitesten Sinn zwingend verbunden?

Schon in den Zeiten, als die Arbeitslosenunterstützung noch recht großzügig war, haben wir doch alle dem französischen Soziologen Robert Castel zugestimmt: Selbst eine materiell abgesicherte Arbeitslosigkeit sei "exclusion", eine das Selbstwertgefühl kränkende Verweigerung der Chance, sich zu bewähren und gleichzeitig der Ausschluss aus einer als sinnvoll erlebten, ziel- und erfolgsorientierten sozialen Struktur.

Dahinter stehen weit reichende Überlegungen zur Funktion von Arbeit im menschlichen Leben, die offensichtlich im gesellschaftlichen Konsens liegen – gelten diese Überlegungen auf einmal nicht mehr, wenn man ein "magisches" Alter überschritten hat? Oder ist die Realität nicht vielleicht ein wenig anders, als man uns hierzulande gerne vorgaukelt?

Wer etwa die oberen Etagen der internationalen Finanzwelt, der Medien oder der Wissenschaft betrachtet, der findet dort unzählige Greise und Greisinnen. Ist es nicht eher ein Privileg der Elite, den jeweiligen Möglichkeiten entsprechend auch als alter Mensch arbeiten zu können?

Manchmal helfen Beispiele mehr als lange theoretischen Überlegungen und die besten Beispiele einer nicht mit Not begründeten Altersarbeit finden sich in den USA. Das kalifornische San Diego lebt von zwei Wirtschaftsfaktoren: von einer riesigen Marinebasis und vom Tourismus.

Im Stadtzentrum steht das Timbken Museum of Art, eine jener von puristischen Experten belächelten unsystematischen amerikanischen Privatsammlungen, in der es sogar einen Rembrandt gibt, der sich bisher offensichtlich der Debatte um seine Authentizität erfolgreich entzogen hat.

Das von einer Stiftung getragene Museum beschäftigt mehrere Aufseher, und die sehen etwas anders aus als ihre europäischen Kollegen: Es sind gut gekleidete ältere Herren, denen ihre Arbeit sichtlich Spaß macht.

Amerikaner kann man ansprechen und so habe ich es getan: Mein Gesprächspartner war ein 72-jähriger pensionierter General von den Marines, ein Mann mit so etwa 5000 Dollar Pension, der jeweils zwei Wochen zum Stundenlohn von zehn Dollar als Aufseher arbeitet und sich dann wieder zwei Wochen in sein Sommerhaus zum Golfspielen zurückzieht.

Der Lohn, knapp über dem kalifornischen Mindestlohn, wird von ihm offensichtlich nicht benötigt, aber auch nicht als beschämend empfunden.

Auch aus seinen Motiven macht der General kein Geheimnis: Da er offenbar nicht zu jenen zählt, die im Ruhestand als Lobbyist oder als Vorstandsvorsitzender einer privaten Sicherheitsfirma arbeiten können oder wollen (er hat angedeutet, dass ihm die damit verbundene Fliegerei gesundheitlich nicht gut tut), habe er das rein private Rentnerdasein "einfach nicht ausgehalten": Die Kinder seien aus dem Haus, die Schulden abgezahlt, er spiele gerne Golf, aber als Lebensinhalt erscheine ihm das ein wenig dürftig.

Das Museum empfinde er als angenehmen Ort, er trage eine Verantwortung, der er sich gewachsen fühle, lerne ständig neue Leute kennen und habe gleichzeitig viel Spaß mit seinen Kollegen – wie sich herausstellte allesamt "Retired Marines", vom Major aufwärts. Außerdem: Wenn er und seine Freunde den Job nicht machten – müssten es andere tun, jüngere etwa, und die könnten doch schließlich was Sinnvolleres arbeiten. – Es wäre taktlos gewesen, den General zu fragen, was er mit den ca. 800 US-Dollar tut, die er mit seinen zwei 40-Stunden-Wochen im Monat verdient. Aber gleichgültig, ob er sie verkonsumiert, seine Kinder oder wohl eher Enkelkinder unterstützt oder sie anlegt – in jedem Fall beleben sie die Wirtschaft.

Doch wichtiger ist wohl, dass der Mann einen Platz, seinen Platz, im öffentlichen Leben gefunden hat und dass er auch jenseits der Privatsphäre seine Existenz in vielfacher Weise als sinnvoll erlebt.

Kulturelle Differenz

Das Beispiel ist natürlich geprägt von einer uns fremden "amerikanischen Mentalität" und folglich schwer in unsere Breiten "übertragbar": Man kann aus ihm einiges lernen, darf es aber nicht verabsolutieren. Welches österreichische Museum etwa würde einen 72-Jährigen in einer vergleichbaren Position anstellen? Wer würde zulassen, dass jemand derart unter seiner Qualifikation arbeitet – und umgekehrt: Welcher hoch qualifizierte Europäer würde diesen Job ohne Scham annehmen? Bei uns gilt wohl für beide Seiten: "Einmal General, immer General" – oder eben Ruheständler.

Und schließlich: Zumindest die österreichischen Zuverdienstgrenzen für Pensionisten überschreitet der General kräftig – bei uns würde man ihm wohl die Rente derart verkürzen, dass er wieder in die Gratisarbeit gedrängt würde.

Das Beispiel macht jedenfalls sichtbar, dass Amerika seine Bewohner nicht nur der "Kälte des Marktes" ausliefert, sondern gerade in der Alterskultur interessante, flexible Wege beschreitet – und das ist ein Aspekt, der in der heimischen Arbeitszeit- und Pensionsdebatte zu kurz kommt. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2004)

Alfred Pfabigan lehrt Sozialphilosophie und Politologie an der Universität Wien und leitet ein wissenschaftliches Kooperationsprojekt in San Diego/USA.
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