"Unser Salzburg? Eine verwunschene Stadt"

23. Dezember 2004, 21:04
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Josef Hader über die Wolf-Haas-Verfilmung "Silentium", Spiel als Flucht, Munchs "Schrei" und andere bedrohliche Szenarien

In der Wolf-Haas-Verfilmung "Silentium" kommt er demnächst ins Kino, und für Dezember kündigt er sein erstes neues Kabarettprogramm seit zehn Jahren an: Josef Hader im Gespräch mit Claus Philipp – über Spiel als Flucht, Munchs "Schrei" und andere bedrohliche Szenarien.


STANDARD: Der Film "Silentium", heißt es am Plakat, sei nach dem gleichnamigen Roman von Wolf Haas, und der heißt aber "Silentium!". Was erzählt einem das – ein Rufzeichen, das verschwindet?

Josef Hader: Na ja, es erzählt einem wohl, dass es irgendwen gibt in dem ganzen Betrieb, an maßgeblicher Stelle, der grundsätzlich davon ausgeht, dass das Kinopublikum depperter ist als ein Buchpublikum, weil es die Ironie von Silentium!, mit einem Rufzeichen, nicht verstehen würde.

Es könnte aber auch sein, dass das Ganze vom Kreuz, das zum Titellogo dazuerfunden wurde, herkommt. Es hat sich wohl jemand gedacht: Zum Kreuz passt das Rufzeichen nicht mehr dazu. Dann haben sie es aufs Plakat geschrieben ohne Kreuz, weil sie dachten, dass damit vielleicht etwas betont wird, was das Publikum abschrecken könnte – und dann haben sie gedacht: Jetzt ist es aber auch wieder zu "leer". Also hat man einen Kreuzträger dazugemalt. Das sind Vorgänge, die gehen ein bisschen an mir vorbei ...

STANDARD: Ein Vorgang, an dem Sie stärker beteiligt waren, war das Schreiben des Drehbuchs, mit Wolfgang Murnberger und Wolf Haas. Wie muss man sich diese Kooperation vorstellen?

Hader: Wir schreien uns nicht an, sondern jeder schluckt den Grant hinunter, wenn ihm wieder eine Drehbuchfassung total daneben vorkommt. Wir sind immer höflich zueinander und kriegen dadurch vermutlich irgendwann Erkrankungen, aber es herrscht immer eine wohltemperierte Atmosphäre. (lacht) Wir sind alle drei keine expressiven Menschen und denken und reden gern in uns hinein. Und wir haben alle drei Freude an Grenzbereichen. Es gefällt uns auch, dass wir bestimmte Erwartungen und Stellenwerte überhaupt nicht erfüllen.

STANDARD: In dem Salzburg etwa, in dem der Brenner diesmal in Sachen Mädchenhandel und Pädophilie rund um ein katholisches Internat und die Festspiele ermittelt, sieht man keine Salzach!

Hader: Ja, jetzt ist das ein Ort ohne Fluss. Ich habe mir gedacht: Was für ein Ort wird Salzburg bei so einer Geschichte? Da dachte ich mehr an Edgar-Wallace-Filme, wie London da aussieht, an Wien im Dritten Mann, wo am Abend niemand mehr auf der Straße ist, außer irgendwelchen Leuten, die Böses wollen. Ein Märchen-Salzburg also. Insofern hört sich jede Diskussion über eine angebliche Kritik am wirklichen Salzburg auch schon auf. Das hat uns nicht interessiert.

Für uns ist "Salzburg" eine verwunschene Stadt, mit einer Glaskuppel drüber, die Außenwelt ist in diesem Treibhausklima irrelevant, es ist wie in einem Labyrinth, aus dem viele rauswollen, und dann kommen sie nicht raus und stürzen sich wo hinunter.

STANDARD: Für einen ortsunkundigen Betrachter muss dieses Salzburg aber erst recht merkwürdig wirken. Die Locations passen ja ganz bewusst nicht zusammen: der gespenstische Festspielbezirk, die Parkanlagen, die proletarische Würstelbuden-Vorstadt ...

Hader: ... und vielleicht ist das das Realistischste, was wir über Salzburg erzählt haben: dass dort nichts zusammenpasst. Die Festspiele, Mittelpunkt einer europäischen Kultur; die Vororte; das Heruntergekommene und das Edle – es ist einfach eine kontrastreiche Stadt. Sogar das Licht ist in Salzburg kontrastreicher als anderswo. Wenn man durch diese engen Gassen zieht: Es gibt kaum eine Stadt mit so viel Licht und Schatten.

STANDARD: Und wie war das mit der "Gestaltung" des Detektivs Brenner? In "Komm süßer Tod" hatten Sie in dieser Rolle mindestens drei verschiedene Formen von Bart und Frisur, bis Sie zu der stoischen Miene gefunden hasthaben, die Sie jetztgrandios in "Silentium" durchziehen.

Hader: Man kann tatsächlich sagen: Ich habe mir dieses Gesicht langsam erworben. Und dass der Brenner damals sein Aussehen immer wieder wechselte, spiegelt lediglich unsere Unsicherheit wider. Noch zwei Tage vor Drehbeginn sind wir mit Fotos herumgerannt und haben Teammitglieder gefragt, ob ihnen der Brenner mit oder ohne Bart besser gefällt.

STANDARD: Und was haben Sie jetzt über ihn "besser" gewusst als beim ersten Dreh?

Hader: Ich glaube gar nicht, dass man gleich einmal mehr weiß, wenn man eine Figur zum zweiten Mal spielt. Im ersten Film war ich aber zum Beispiel geradezu verliebt darin, dass der Brenner permanent ein wenig beleidigt ist auf die Welt und ihr die Schuld gibt, dass er da ist, wo er ist. Das hat mir derartig gut gefallen, dass ich auch Szenen "beleidigt" gespielt habe, bei denen das gar nicht notwendig gewesen wäre.

STANDARD: Sie kündigen für Dezember Ihr erstes neues Kabarettprogramm seit immerhin schon zehn Jahren an. Wie hoch ist derzeit der Grad Ihres Bedauerns darüber, dass Sie nach herkömmlichen Gesetzen des Marktes ziemlich unproduktiv waren?

Hader: Ich kann dazu nur‑ sagen, dass diese "Unproduktivität" kein künstlerisches Statement war – kein Versuch, mich von den anderen abzuheben. Das ist mir eher passiert. Die Gründe dafür waren privater Natur. Und auch sportlicher Natur teilweise, weil ich in Deutschland auch einen Durchbruch feiern wollte. Da bin ich zeitweise ziemlich sinnlos herumgetingelt. Das war halt so, und jetzt wird es wieder anders.

STANDARD: Das neue Programm soll "Hader muss weg" heißen. Werden Sie dabei verstärkt auf die Interaktionen mit dem Publikum, die die Best-of-Tournee "Hader spielt Hader" auszeichneten, zurückgreifen? Und warum muss Hader weg?

Hader: Darüber will ich noch nichts verraten: Man könnte aber vermuten, dass auch äußerlich, von der Dramaturgie her, die eigene Person nicht so sehr im Mittelpunkt steht. Ich will was über den Menschen erzählen. Und da ist mir unter meinen Programmen Im Keller eigentlich das liebste.

Wenn ich zuletzt quasi das Genre Kabarett thematisiert habe, dann mag das manchmal ganz gute Momente zeitigen, aber die Gefahr des "L'art pour l'art" ist schon sehr groß. Ich mag die Teile meiner Programme am liebsten, wo der Mensch hin und her pendelt zwischen erbärmlicher Wurm und dann wieder für schöne Momente begabt, die er aber sofort wieder wegschmeißt. Das sind die Sachen, die ich am meisten schätze an mir.

STANDARD: Und was wäre ein Hauptantrieb fürs Spielen?

Hader: Hm ... Flucht? Eine Flucht vor dem, was gerade ansteht ... Es ist ein Phänomen, dass ich sehr gut spiele, wenn es mir privat nicht gut geht. Weil ich für zwei Stunden froh bin, dass ich meiner Existenz davonrennen kann.

STANDARD: Das vergessen Sie während des Spielens?

Hader: Natürlich. Sonst kann ich ja nicht gut spielen.

STANDARD: Mit welchem Gemälde würden Sie gegenwärtig Ihr Leben vergleichen?

Hader: Ich bin kein Bildermensch – aber, ja, mit Munch. Der Schrei. In Schwarz-Weiß. Weil momentan die Bedrohlichkeit ein wenig verblasst ist in meinem Leben.

STANDARD: Und mit welchem literarischen Helden?

Hader (lacht): Karl Rossmann aus Amerika von Kafka – und zwar in dem Moment, wo der Roman offen endet. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2004)

Zur Person

Josef Hader, 1962 in Waldhausen/OÖ geboren, setzte seit Mitte der 80er-Jahre Meilensteine heimischer Kleinkunst mit Kabarettprogrammen wie "Im Keller" oder "Privat".

Die Spielfilme "Indien" und "Komm, süßer Tod", mit ihm in der Hauptrolle, zählen zu den größten Erfolgen des heimischen Kinos.

Für Mitte Dezember ist Haders erstes neues Kabarettprogramm seit zehn Jahren, "Hader muss weg", angekündigt. Weiters bereitet er sich auf ein erstes eigenes Filmprojekt vor.
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    Josef Hader: "Das Gesicht vom Brenner habe ich mir langsam erworben." Und: "Ich mag die Teile meiner Programme am liebsten, wo der Mensch hin-und herpendelt zwischen erbärmlicher Wurm und dann wieder für schöne Momente begabt, die er aber sofort wieder weg- schmeißt . . ."

  • Ähnlichkeiten mit "Die Passion Christi" waren nicht geplant: Josef Hader in Wolfgang Murnbergers "Silentium".
    foto: luna

    Ähnlichkeiten mit "Die Passion Christi" waren nicht geplant: Josef Hader in Wolfgang Murnbergers "Silentium".

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