"Keine Wunderwuzzis"

17. September 2004, 12:10
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Als Mitglied der Zukunftskommission sucht die Psychologin Christiane Spiel nach neuen Wegen für das Schulwesen. Mit Irene Brickner sprach sie über Motivationsdefizite bei Schülern und Lehrern - sowie über Mittel dagegen

STANDARD: Die Schule soll zum lebenslangen Lernen motivieren. Internationale Studien zeigen aber, dass bis zu zwei Drittel der Schüler nur ungern die Schule besuchen. Woran liegt das?

Spiel: Kinder lernen gerne, wenn sie dabei Kompetenzerfahrungen machen und auf das Resultat stolz sind. Wie unsere Studienergebnisse zeigen, liegen solche Erfahrungen zu wenig im Unterricht vor. Dabei hätte die Schule alle Chancen: Die Kinder beginnen die Schule mit sechs Jahren mit hoher Lernmotivation.

STANDARD: Was tun, um die frühe Lernmotivation der Kinder zu erhalten?

Spiel: Den altersspezifischen Bedürfnissen der Schüler mehr entgegenkommen. Lernen wird verhasst, wenn die Kinder nur aus Angst vor Noten lernen, wie das in den höheren Klassen in Fächern wie Mathematik oder Englisch oft geschieht. In den niedrigen Klassen macht den Kindern Mathematik besonders viel Spaß. Dort ist der Anwendungsbezug auch viel klarer.

STANDARD: Welche Folgen hat der Schulfrust?

Spiel: Schulabsolventen fehlt vielfach die Fähigkeit zu Selbststeuerung und Selbsteinschätzung. Also das Wissen, wie viel Zeit und Material man braucht, um ein bestimmtes Lernziel zu erreichen. Auch die Fähigkeit, konstruktiv mit Rückmeldungen auf eine Leistung umzugehen, geht vielen ab.

STANDARD: Soziales Lernen rangiert unter den Vorschlägen zur Schulverbesserung ohnehin ganz vorn. Was hemmt die Umsetzung?

Spiel: Die Lehrer müssen es selbst können aber auch wissen, wie man Schüler dazu anleitet. Zusätzlich sollte in der Lehrerausbildung den Kandidaten möglichst früh ein realistischeres Bild ihres zukünftigen Berufes und Praxiserfahrung vermittelt werden. Die Lehrer und Lehrerinnen sind nicht die Wunderwuzzis der Schüler.

Zur Person

Christiane Spiel hat an der Uni Wien den Lehrstuhl für Bildungspsychologie und Evaluation inne und ist Dekanin der Fakultät für Psychologie. Sie ist die Verfasserin einer Reihe von Studien über Bildungsmotivation.

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    bild: standard/hendrich
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