"Wasserdichtes" Farbenspiel

17. September 2004, 12:10
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Bestellungen von Direktoren laufen in Wien nach einem ausgefuchsten Verfahren. Kritiker meinen, dass das Objektivierungsverfahren vor allem dazu dient, Bestellungen lückenlos argumentieren zu können

Wien - Das System funktioniert. Es funktioniert so gut, weil es so ausgefuchst ist. Und das fordert sogar den Grünen Respekt ab: "Da lässt sich alles immer wasserdicht argumentieren", attestiert die Wiener Schulsprecherin der Grünen, Susanne Jerusalem. Dennoch steht das "Objektivierungsverfahren" für die Besetzung von Direktorenposten in Wiener Schulen immer wieder in der Kritik der Grünen.

Vergangene Woche - DER STANDARD berichtete - beklagte Jerusalem die verlautbarten Entscheidungen zu Direktionsbesetzungen in Hauptschulen. Sieben von acht Hauptschuldirektionsbesetzungen nannte die Mandatarin "willkürlich" und "parteipolitisch motiviert" - und legt nun ähnliche Fälle im Volksschulbereich vor. So sei etwa in der Volksschule Märzstraße die Schul-Wunschkandidatin im Assessement-Test als erste gereiht worden - Direktorin wurde allerdings dann jene Kandidatin, gegen die sich die lokalen Lehrer- und Elternvertreter explizit ausgesprochen hatten. In der Ottakringer Julius-Meinl-Straße wird die Wunschkandidatin der Schule im (amtlichen) Dreiervorschlag nicht berücksichtigt. Unterqualifiziert kann die Frau nicht sein: Sie wird in der Hochsatzengasse - entgegen den dortigen Schulwünschen - Direktorin. Die im Assessment erstgereihte Bewerberin für die Direktion in der Erdbergstraße wird vom Amt auf den zweiten Platz zurückgereiht - und zu guter Letzt gar nicht Direktorin - auch die Wünsche der Schule werden nicht berücksichtigt.

Ein "Klassiker"

Schon ein wenig älter, aber für Jerusalem ein "Klassiker" der Parteibuchwirtschaft: Vor den letzten Wiener Wahlen hatte der sechste Wiener Gemeindebezirk einen VP-Vorsteher. Als eine Volksschule geschlossen werden sollte, fiel die Wahl auf eine mit SP-Leitung. Dann wurde in Wien gewählt, der Bezirk wurde "rot": Geschlossen wurde eine "schwarze" Schule. Wie "objektiv" die Qualifikationsverfahren sind, zeigt auch der Fall einer Lehrerin: Die Frau bewarb sich dreimal als Direktorin, wurde drei mal - trotz identer Bewerbungsunterlagen und Gutachten - unterschiedlich bewertet und bekam jeweils andere Punkte zugesprochen. Erst im dritten Anlauf erreichte sie die "nötige" Punktezahl um Direktorin zu werden.

Um den Sprung in eine Direktion zu schaffen, ätzen Grüne und mancher Lehrer, sei Kandidaten vorweg geraten, sich vor der Bewerbung mit dem Vorgesetzten gut zu vertragen. Dessen Beurteilung ist eine Voraussetzung für das Auswahlverfahren. Empfohlen wird auch, unter dem Stichwort "außerschulische Aktivitäten" auf jene Gewerkschaftsfraktion hinzuweisen, in der man organisiert ist oder bei der man Fortbildungsseminare absolviert hat. Das mache die Zuordnung leichter. Danach werden die Persönlichkeitsanalyse am Computer (Jerusalem: "Man hört, dass mancher Kandidat darauf besser vorbereitet wird als andere") und jene Tests, die bei einem externen Personalberater samt Beamtenkommission (Assessment-Center) zu absolvieren sind, ausgewertet. Dieser Akt landet beim Stadtschulrat - und wird von den Beamten in eine Gesamtbeurteilung einbezogen.

Computerspiel

Hier ergibt sich dann ein gewisser Spielraum: Hat jemand beim Computertest schlecht abgeschnitten, könnten etwa die Eingangsunterlagen höher bewertet werden. Schließlich gilt es in den "Dreiervorschlag" zu kommen. Aus dem wählt dann das (parteipolitisch be- setzte) Stadtschulratskollegium einen Direktor. Die Kunst der Kür ist es, bis zum Schluss bei der Vergabe der Punkte flexibel zu bleiben und so die Kandidatenwahl zu steuern. Klingt und ist kompliziert - aber eben auch sehr zuverlässig. Und wasserdicht: Beim Wiener Stadtschulrat beteuert man, dass das Auswahlverfahren "objektiv" sei. Interventionen seien "menschlich, aber zwecklos".

Unterm Strich geht es sich - zufällig - fast immer aus, dass zwei Drittel der Leitungsposten "rot" besetzt werden. Daneben werden immer wieder "Schwarze" bedacht. Ab und zu, ob das "passiert" oder optischen Gründen dient ist auch bei Skeptikern umstritten, kommen Lehrer aus dem grün-alternativen Einflussbereich zu Direktorenehren. Manchmal pfeifen auch die Spatzen die Namen derer, die im "Objektivierungsverfahren" gewinnen werden, lange vor Beginn desselben vom Dach. Aber das ist bestimmt Zufall.

(Andrea Waldbrunner, Thomas Rottenberg/DER STANDARD Printausgabe,6.9.2004,)

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