PDS-Chef Lothar Bisky im STANDARD-Interview: "Rechne mit neuer Linkspartei"

16. September 2004, 09:52
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Vorsitzender der deutschen Postkommunisten: "Die SPD ist auf dem besten Wege, sich selbst kaputt zu machen."

PDS-Chef Lothar Bisky bestätigt Gespräche über eine Parteigründung. Die SPD mache sich selbst kaputt, sagte der Vorsitzende der deutschen Postkommunisten im Gespräch mit Alexandra Föderl-Schmid.

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STANDARD: Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine, Ihr Parteifreund Gregor Gysi und Sie selbst sollen im Gespräch über die Gründung einer neuen Partei sein. Wird es eine neue Linkspartei in Deutschland geben?

Bisky: Es gibt Bestrebungen, eine Linkspartei zu gründen. Ich rechne auch damit, dass sie kommt. Ich habe meine Linkspartei schon. Ich stehe für eine starke PDS. Wir haben aber keinen Alleinvertretungsanspruch. Ich bin für eine starke Kooperation.

STANDARD: Warum konnte die PDS im Westen nie Fuß fassen? Bisky: Im Westen gibt es eine starke antikommunistische Aversion, auch wenn wir keine kommunistische Partei sind. Es gibt eine Feindschaft gegenüber der DDR und allem, was von dort kommt.

STANDARD: Trifft Sie, dass die PDS auf Kosten der SPD zulegt?

Bisky: Ich bin nicht an einer schwachen SPD interessiert. Die SPD ist mit ihrer Reformpolitik auf dem besten Wege, sich selbst kaputt zu machen.

STANDARD: Sind die Montagsdemonstrationen ein Ausdruck dafür, dass Ost- und Westdeutschland noch nicht zusammengewachsen sind?

Bisky: Es zeigt sich, dass der Osten nicht ernst genommen wird. Es gibt hier wenig Hoffnung. Die Enttäuschung der Ostdeutschen ist kein Wunder. Helmut Kohl hat von blühenden Landschaften gesprochen und Gerhard Schröder, dass der Aufbau Ost Priorität hat. Und Hartz IV ist herausgekommen. Es ist auch eine Geringschätzung, dass die Ostdeutschen nur 331 Euro Arbeitslosengeld II bekommen und die Westdeutschen 345 Euro.

STANDARD: Wie sind Ihre Vorschläge für eine Sozialreform?

Bisky: In Deutschland und auf europäischer Ebene ist eine Reform des Sozialstaats dringend erforderlich. Aber man kann das nicht immer nur zulasten der ohnehin Benachteiligten durchführen. Ich sage aber nicht, dass wir alles besser machen. Man muss aber über Umverteilung reden. Es gibt 757.000 Einkommensmillionäre in Deutschland, sagte eine US-Investitionsbank. Dieser Reichtum wird immer größer. Das ist einfach ungerecht. Da ist oft Abzocke dabei.

STANDARD: Die PDS könnte am 19. September bei der Landtagswahl in Brandenburg stärkste Partei werden. Erheben Sie dann Anspruch, den Ministerpräsident zu stellen? Bisky: Als stärkste Partei ja. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2004)

  • Zur PersonLothar Bisky wurde 1941 im 
heutigen Pommern geboren. 
Als Flüchtlingskind wuchs er 
in Schleswig-Holstein auf, übersiedelte als 18-Jähriger in 
die DDR und war dort SED- 
Mitglied. Seit 1986 ist Bisky 
Professor für Film- und Fernsehwissenschaft in Babelsberg, derzeit karenziert. Bisky 
war zwischen 1993 und 2000 
PDS-Chef und wurde im Juni 
2003 erneut gewählt.
    foto: epa

    Zur Person

    Lothar Bisky wurde 1941 im heutigen Pommern geboren. Als Flüchtlingskind wuchs er in Schleswig-Holstein auf, übersiedelte als 18-Jähriger in die DDR und war dort SED- Mitglied. Seit 1986 ist Bisky Professor für Film- und Fernsehwissenschaft in Babelsberg, derzeit karenziert. Bisky war zwischen 1993 und 2000 PDS-Chef und wurde im Juni 2003 erneut gewählt.

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