Ein neuer Ton in arabischen Leitartikeln

7. September 2004, 10:18
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Terroristen bringen als "Söhne des Islam" Schande über die islamische Kultur - die sie hervorgebracht hat

Wien - Die Samstagsausgabe der in London erscheinenden arabischen Zeitung Asharq al-Awsat trug den Titel "Die schmerzhafte Wahrheit: Alle Terroristen der Welt sind Muslime", die ägyptische Al-Ahram sprach von "Muslimen als Monstern, die sich vom Blut von Kindern und dem Schmerz ihrer Familien ernähren". Die Leitartikel nannten die Terroristen von Beslan "Söhne des Islam" und "unsere terroristischen Söhne": "Endprodukt einer korrupten Kultur."

Das ist ein neuer, ungewohnter Ton. Sonst werden solche Täter in der arabischen Welt im Allgemeinen eher nonchalant in die Kategorie "Folgen der westlichen Kolonialpolitik und des amerikanischen - beziehungsweise in diesem Fall des russischen - Imperialismus" eingeordnet.

Die öffentliche Diskussion - privat hat es sie natürlich schon früher gegeben - über die Herkunft der Gewalt war in der arabischen Welt nach dem 11. September 2001 in einer dünnen intellektuellen Schicht entbrannt. Die Fragen wurden offen gestellt: Wird man dem Problem gerecht, wenn man bei der Diskussion über von Muslimen verübten Terrorismus, der ja oft von ihnen selbst religiös legitimiert ist, den religiösen und kulturellen Kontext völlig ausblendet? Und greifen vielleicht die Erklärungen, die man außerhalb der eigenen Kulturen und Gesellschaften sucht und findet, zu kurz? Welche Rolle spielt der Islam oder zumindest die islamische Kultur? Was können und müssen die Muslime in der arabischen Welt selbst gegen die Gewalt tun?

Die Diskussion darüber ist nicht Mainstream geworden, nicht in den arabischen Ländern und auch nicht in der islamischen Diaspora, wo man im Allgemeinen über das Stereotyp "Missbrauch des Islam" nicht hinausgekommen ist. Dazu kommt, wie schon angedeutet, der Hang zu Verschwörungstheorien: Wenn im Irak ein Sunnit und ein Schiit aufeinander losgehen, wird mit Gewissheit der Zionismus dahinter stecken, der die beiden aufeinander gehetzt hat, um den Irak zu zerstören.

Überhaupt hat die amerikanische Invasion im Irak der Debatte selbstverständlich nicht gut getan - kann sie doch von den islamistischen oder auch nationalistischen - letztere reiten gerne auf der islamischen Welle, gerade bei den Tschetschenen dürfte das teilweise der Fall sein - Ideologen jederzeit als Beweis dafür angeführt werden, wer da wirklich zum Tanz aufspielt.

Offensichtlich fällt es den zitierten arabischen Leitartiklern leichter, diesmal die muslimischen Terroristen als spezifisch solche zu bezeichnen, weil der Konflikt um Tschetschenien und die Tat in Beslan eben nicht in einem westlich-arabischen Kontext stattfindet. Es geht dort nicht um Palästina oder den Irak. Aber die Terroristen von Beslan werden von den Schreibern durchaus als repräsentativ akzeptiert, mit dem Hinweis darauf, dass international ein Großteil von terroristischen Akten von Muslimen verübt wird, was ein "beschämendes, schmerzhaftes, hartes" Bild (Asharq al-Awsat) ergibt.

Die Leitartikler - und diejenigen, die rezipieren, was diese sagen - haben wohl mit einem empörten Aufschrei zu rechnen. Eine Gefahr besteht auch, dass einer gewissen politischen Ebene die eigene Kulturkritik ganz zupass kommt: Dann muss man nicht über die politischen Verantwortlichkeiten reden. Aber der Beginn eines neuen innerislamischen Diskurses wäre auf alle Fälle wichtig. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2004)

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    Russlands Außenminister Sergej Lawrow (li.) bei einem muslimischen Amtskollegen, Ahmed Abul Gheith, in Kairo.

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