Tonmaterial und andere Delikatessen

9. September 2004, 22:39
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Das Klangforum feiert im neuen Haus

Wien - Spätsommer im Margarethener Einsiedlerpark: Kühl erfrischt der Morgen, gemächlich gilbt das Blatt. Ein paar Schritte weiter aber, am unteren Ende der Diehlgasse, sehen wir eine Institution in voller Blüte: Das Wiener Klangforum feiert den Beginn der 20. Konzertsaison und den Umzug in ein geräumigeres, den Anforderungen eines menschenwürdigen Probenbetriebes standhaltendes Quartier.

Auf 670 Quadratmetern, verteilt auf drei Etagen, kann nun zeitgenössisch musiziert, aufgenommen, deponiert und administriert werden. Die Architekten lichtblau.wagner waren so nett, die Räumlichkeiten dafür in klarer, schnörkelloser Formensprache zu adaptieren, die Stadt Wien und die Kultursektion des BKA so freundlich, diese Adaptierung mit 300.000 bzw. 200.000 Euro zu unterstützen.

Und da kommen sie schon, die beiden Donatoren von Stadt und Bund, durchgrüßen die weiß getünchte, mit Mensch und Mobiliar bunt angefüllte Probenhalle. Franz Morak, der staatliche Kulturverweser, spricht kernig und kurz, Andreas Mailath-Pokorny, jener der Stadt, etwas länger und lockerer: Kunst, Spannungsfeld, Entwicklung, zentral, alles Gute. Heinz Fischer und andere applaudieren.

Das Wichtigste folgt: Musik. Walter Raffeiner sprechsingt den Prolog aus der Keintate I, die Musiker des Klangforums bringen Friedrich Cerhas humoristisch-melancholisches Tonmaterial delikatest. Dann ein Päuschen. Die große Rondoform des 27-Stunden-Festes: Feiern, Musik, Feiern, Musik. Weiß beschürztes Servierpersonal durchpflügt das Meer der dunkel gekleideten Gäste. Es folgt eines der Highlights: Jorge Sanchez-Chiongs wilde Soundcollage Oh fuck! Somebody called the cops hält, was der Titel verspricht.

Viele Uraufführungen, Redner und Rotweine später bringt Christoph Ogiermanns Schläge als Verführungsversuche dann noch einmal mit Schmackes Gehörgänge, Ganglien und Gedärme der immer fröhlicheren Gästeschar durcheinander. Mitternacht. Liegematten werden ausgelegt, Elektronisches folgt. Der weiche Soundteppich aus Geplauder und Gläsergeklinge danach kommt aber deutlich "easier" als das geloopte Gezische und Geschnattere aus dem Laptop. Dann der Morgen. Kühl erfrischt er, und das Blatt ist etwas gelber geworden. (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 9. 2004)

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