Reportage: "Sie haben sieben Bömbchen gezündet"

7. September 2004, 10:18
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Keine der befragten Geiseln hat die neun Araber gesehen, die nach offiziellen Angaben zum Terrorkommando gehörten

Beslan - "Ich habe mich ein bisschen gefürchtet und manchmal geweint", erzählt die sechsjährige Luisa Kudakowa. Ein tiefer Schock bewirkt, dass die Erstklasslerin über die Geiseltragödie spricht, als ginge es um das Alltäglichste der Welt. Die Schule Nr. 1 von Beslan ist eine Ruine. Von der Turnhalle, in der nach offiziellen Angaben mehrere Hundert Menschen starben, steht nur noch das Gerippe.

Nur wenige sind wie Luisa der Todesgefahr fast unversehrt entronnen. Mit der neuen hellblau-rosa Schultasche auf dem Rücken besuchte das kleine Mädchen am vergangenen Mittwoch an der Hand ihrer Mutter erstmals die Schule.

David Zalagow (10) ging als Fünftklassler schon allein und voll Vorfreude auf das neue Schuljahr zu der Feier. Fatima Alikowa (27) wollte als Fotokorrespondentin der Lokalzeitung wie an jedem 1. September den fröhlichen Aufmarsch der Kinder fotografieren. Doch dann trieben die knapp 30 schwer bewaffneten Terroristen die Kinder, Eltern und Lehrer in die Schule und pferchten sie in der Turnhalle ein. Der Albtraum begann.

"Sie haben eine Oma erschossen und Mama ins Bein getroffen", erzählt Luisa über den Beginn der Geiselnahme. David konnte später die Schüsse hören, mit denen einige der getrennt eingesperrten Männer ermordet wurden. Zwischen den Basketballkörben des Sportsaals spannten die Terroristen Drähte, von denen Minen bis dicht über die Köpfe der hockenden Geiseln herabhingen. "Girlande nannten sie das", sagt Fatima. Auch an den Wänden wurden Sprengsätze befestigt, die älteren Schüler mussten dabei helfen.

In der drangvollen Enge konnten die Kinder nur mit angezogenen Beinen hocken. Durch die großen Fenster heizte die Spätsommersonne den Turnsaal unerträglich auf. Also zogen die Erwachsenen die Kinder bis auf die Unterhosen aus. Die Kinder waren meist ruhig. Wenn sie weinten, schossen die Terroristen in die Decke. "Sie haben ständig gebrüllt und gedroht, uns zu erschießen", sagt Fatima. Am zweiten Tag war das Schreien der hungrigen und durstigen Kleinkinder nicht mehr zu ersticken, sie wurden mit ihren Müttern oder Großmüttern freigelassen.

Der einsame David tröstete sich damit, dass wenigstens einige Freunde aus der Parallelklasse in seiner Nähe saßen. "Ich habe keine Angst vor den Schüssen gehabt", sagt er. Kaukasische Kinder wachsen mit dem Anblick von Waffen auf. "Aber vor der Explosion der Minen habe ich mich schon gefürchtet." Aus Platzmangel hätten die Kinder abwechselnd eine halbe Stunde lang geschlafen, erzählt er.

Die Terroristen gaben ihren Opfern nichts zu essen, doch der Durst war eine noch größere Qual. "Eure Leute haben das Wasser vergiftet", versuchten die Geiselnehmer den Gefangenen weiszumachen. Am zweiten Tag hätten sich die Geiseln am Wasserhahn der Turnhalle das Gesicht benetzen, aber nicht trinken dürfen, erzählt Fatima. Erwachsene tränkten Stoff mit Urin oder Schweiß, um es den Kindern zum Saugen zu geben.

Nach einer Weile zeigten sich die Geiselnehmer auch ohne Masken. Sie hätten weit gehend normal ausgesehen, sagt Fatima. "Einer konnte sogar lächeln." Die Sprache, in der die Terroristen untereinander sprachen, konnte sie nicht identifizieren. "Ich habe bis zuletzt nicht verstanden, was sie eigentlich wollten." Doch keine der befragten Geiseln hat einen Schwarzen und neun Araber gesehen, die nach offiziellen russischen Angaben zu dem Terrorkommando gehörten.

Am dritten Tag seien die Gefangenen völlig apathisch geworden, erinnert sich die Fotografin Fatima. "Einige Kinder hatten bereits Schaum vor dem Mund." Bei ihr hätten Halluzinationen eingesetzt.

Ob ein Versehen oder Absicht am Freitagmittag die erste Explosion auslöste, wissen die Überlebenden nicht. Weil es überall so eng war, lag Fatima auf der Fensterbank. Durch die Wucht der Detonation zerbarsten die Scheiben. Erstmals seit Tagen war der Weg frei, und wie Fatima sprangen viele Geiseln durch die Fenster.

Die junge Frau flüchtete sich zwischen zwei Garagen. Sie lag ihrer Schätzung nach eine halbe Stunde lang mit zugehaltenen Ohren im Kreuzfeuer zwischen Terroristen und Eingreiftruppen. "Ich habe gebetet", berichtet Fatima. "Ich habe Gott angefleht, dass er mich rettet." Schließlich zogen sie Soldaten durch eine Garagentür in Sicherheit.

Auch David und Luisa waren in der Nähe der Fenster, was ihnen das Leben rettete. Als David von der anderthalb Meter hohen Fensterbank sprang, bekam er noch mit, wie ein Terrorist die zweite Bombe zündete. Im Inneren der Halle versuchten Mütter mit ihren Körpern die Kinder zu schützen. Wer mitten in der einsetzenden Kettenexplosion saß, hatte kaum ein Chance.

Die 34-jährige Alla Gadsijewa erzählt, die Terroristen hätten unmittelbar nach der ersten Explosion in der Turnhalle wahllos aus automatischen Waffen auf die am Boden liegenden, zusammengepferchten Geiseln geschossen. "Sie haben gnadenlos auf die Menschen geschossen", sagt sie. "Auch als sich die Terroristen in Richtung Kellertreppe zurückzogen, schossen sie weiter auf die Liegenden."

"Sie haben gleichzeitig sieben Bömbchen gezündet", erzählt Luisa und verwendet in aller Unschuld die Verkleinerungsform. Vor den Explosionen seien sie und ihre Mutter fast besinnungslos gewesen, hätten sich dann aber ebenfalls schnell aus dem Fenster gestürzt. Die am Bein verletzte Mutter brach sich auch noch den Arm. "Es gab viel Krach, und Mama betete, und dann kamen auch schon die unseren", erzählt das Mädchen mit den langen braunen Haaren. Nach einer Nacht im Spital durfte sie nach Hause gehen.

Doch der Albtraum lastet auf den Seelen. Psychologen riefen die Eltern auf, sich nicht durch die scheinbare Normalität der Kinder täuschen zu lassen. Die Kleinen müssten dringend behandelt werden. Eigentlich braucht die ganze dörfliche Gemeinschaft von Beslan Beistand. In vier Jahren des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion hat der Ort knapp 200 Menschen verloren. Jetzt hat das Schicksal Beslan viel mehr Menschen entrissen, und die meisten davon waren Kinder. (Friedemann Kohler/dpa/DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2004)

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    In der Turnhalle der Schule, deren Dach nach mehreren Explosionen einstürzte, starben mehrere Hundert Menschen.

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    Versuch, das Unfassbare zu begreifen: eine Familie vor den Resten der Turnhalle.

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