4./5.9.: Literatur und politische Agitation - von Fritz Panzer

14. September 2004, 15:00
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Was ist so schlecht daran, eine "Einstiegsdroge" in Sachen österreichischer Literatur zu kreieren? - Von Fritz Panzer

Was ist so schlecht daran, eine "Einstiegsdroge" in Sachen österreichischer Literatur zu kreieren? Gut möglich, dass der "Austrokoffer" gar nicht mehr erscheinen wird können: Anmerkungen von Fritz Panzer.


Um die von Ueberreuter geplante Sammlung von Texten österreichischer Autorinnen und Autoren anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Republik wurde in den vergangenen Tagen zum Teil heftig diskutiert und polemisiert.

Die Autorinnen und Autoren erhielten ein Schreiben von Gerhard Ruiss, dem Geschäftsführer der IG Autoren, in dem sie aufgefordert wurden, sich von diesem Projekt zu distanzieren.

Ziel ist es, mit der 18-bändigen Kassette (und rund 5000 Seiten) im Jahr 2005 eine repräsentative Sammlung von Texten vorzulegen, die - mit einem möglichst niedrigen Ladenpreis und mit großem Werbeeinsatz - zur Verbreitung der Bücher österreichischer Autorinnen und Autoren (mit dem Ersterscheinungstermin nach 1945) beitragen soll.

"Selbstbeschädigung"

Jeder, der mit den Bedingungen des Literaturmarktes vertraut ist, weiß, dass die Vermittlung moderner Literatur zunehmend schwieriger wird. In welcher Weise das sinnvoll und effektiv geschieht, darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein. Ich jedenfalls bin überzeugt davon, dass diese Gelegenheit genutzt werden soll. Die Interventionen der "Interessenvertretung" österreichischer AutorInnen, der IG AutorInnen, beziehungsweise deren Geschäftsführer grenzen da schon an Selbstbeschädigung.

Überrascht wurde ich von den Mitteln und der Argumentation der Ablehnung durch den Vertreter einer Organisation, die für die Interessen der Autorinnen und Autoren eintreten sollte. Mit der klaren Absicht, nicht die Literatur und ihre Inhalte zu befördern, sondern das Projekt parteipolitisch zu schubladisieren.

Die Auswahl der Texte erfolgte durch den Herausgeber Günther Nenning und durch Georg Pichler, einen im Forum Stadtpark bewährten Literaturkenner. Gestaltet wird der "Koffer" von Peter Pongratz. Gemeinsam hat sich der Verlag um die Förderung der Kunstsektion des Bundeskanzleramtes bemüht, ohne die ein Erscheinen nicht möglich wäre.

Diese Förderungen nehmen wir selbstverständlich in Anspruch - und bemühen uns auch bei der Stadt Wien um Unterstützung: Mit dem gleichen Anrecht wie die IG AutorInnen und andere Verlage. Der Bundeskanzler unterstützt das Projekt - im Wissen, dass er auf die Auswahl von Texten und Autoren keinen Einfluss hat.

Ohne Rücksprache mit dem Verlag oder gar dem Herausgeber setzt Ruiss Annahmen und Halbwahrheiten in die Welt und bedient sich geschickt der Klaviatur der Medien.

Suggeriert wird, dass Ueberreuter sich bezüglich der neuen Rechtschreibung über die Wünsche der Autorinnen und Autoren hinwegsetzt und eigenmächtig Bücher redigiert. (Selbstverständlich werden unsere Kinderbücher in der neuen Rechtschreibung gedruckt, nicht aber literarische Werke!)

Obwohl bereits via APA dementiert, wiederholt Gerhard Ruiss diese "Befürchtung" im nächsten Statement gegenüber dem ORF. Unterstellt wird, dass Rechte "verschleudert" werden (als ob die professionellen deutschen Verlage und deren Rechtsabteilungen jemals Rechte "verschleudert" hätten).

"Humor muss sein"

Da und dort wird noch die Befürchtung geschürt, die Bücher der Autoren würden sich durch das Erscheinen des "Austrokoffers" schlechter verkaufen: Als ob ein Verlag (wie wir auch einer sind) Rechte einräumen würde, die solche negativen Auswirkungen hätten.

Gerhard Ruiss ist seit Jahrzehnten im Literaturbetrieb tätig. Er müsste (in Kenntnis von Umfang und Ladenpreis) die Honorierungspraxis kennen und wissen, wie hoch die Lizenzgebühren zu veranschlagen sind. Also: Entweder er weiß es noch immer nicht, oder er setzt bewusst Unwahrheiten in die Welt. Allein die Kritik am angepeilten günstigen Ladenpreis der Kassette kann nur so interpretiert werden, dass dem Kritisierenden daran gelegen ist, dass auf keinen Fall für einen größeren Abnehmerkreis gesorgt werden soll.

In die Kategorie "Humor muss auch sein" fällt der Vorwurf, die "Kompetenzzentren der Literatur würden nicht einbezogen: Mir war bisher unbekannt, dass bei der Publikation von literarischen Anthologien zuerst bei "Kompetenzzentren" um Genehmigung anzusuchen ist.

Im Wissen, dass Ueberreuter eine Auswahl vorgenommen hat, an der es gerade betreffend politische Positionierung nichts auszusetzen gibt, wird Verlag und Herausgeber politische Unausgewogenheit vorgeworfen. Die Auswahl von Texten und AutorInnen erfolgte und erfolgt selbstverständlich unter keinerlei (partei-)politischen Aspekten.

Dafür spricht schon die erste Liste geplanter Autorinnen und Autoren. Der, der vorgibt, sich für die Verbreitung moderner (und insbesondere kritischer) Literatur einzusetzen, will mit allen Mitteln die Präsenz kritischer Autoren und ihrer Texte verhindern.

"Punzierte Autoren"

Die absurde Folge dieser Politisierung eines literarischen, inhaltlich unabhängigen Projektes ist, dass einige wichtige (und kritische) Autorinnen und Autoren aufgrund dieser Fehlinformationen nicht mehr präsent sein werden - weil sie ihre Zustimmung zur Lizenzerteilung verweigern oder weil ihre Namen in den Medien bereits mit einem "Nein" punziert wurden.

Ich wäre - als Verleger - stolz darauf, eine repräsentative Kassette mit Texten österreichischer Autorinnen und Autoren herausgeben zu können. Eine Auswahl, die die Leistungen und die Attraktivität der Literatur nach 1945 darstellt und die als eine Art "Einstiegsdroge" wirken kann. Wenn Autorinnen und Autoren, die das kritische Potenzial in der österreichischen Literatur (und davon gibt es genug!) repräsentieren, aufgefordert werden, ihre Texte nicht zur Verfügung zu stellen, frage ich mich, welche Absicht Gerhard Ruiss antreibt.

Er ist, das steht außer Frage, ein geschickter politischer Agitator. In vielen Fällen hat er sich wirkungsvoll für Autoren und ihre Interessen eingesetzt. In diesem Fall aber inszeniert er ein Spektakel, das den Autorinnen und Autoren nicht nützlich ist.

Ich habe mich vehement für die Verwirklichung dieses Projektes eingesetzt - weil ich überzeugt davon bin, dass die moderne Literatur im nächsten Jahr den ihr gebührenden Platz erhalten hätte. Falsch eingeschätzt habe ich den Einfluss politischer Akteure. Denn etliche Autorinnen und Autoren, die bereits zugesagt hatten, zweifeln jetzt an ihrer Entscheidung. Möglicherweise - das hängt jetzt von den Autorinnen und Autoren ab - wird der Austrokoffer nicht erscheinen können.

Dennoch - in all dem sehe ich einen positiven Effekt: Literatur ist wieder im Gespräch. Und das ist gut so. Unabhängig davon, was aus dem Austrokoffer wird.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 4.9.2004)

Fritz Panzer ist Geschäftsführer des Ueberreuter Verlags
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