4./5.9.: Der wahre Geist der Verein­nahmung - von der IG Autorinnen Autoren

14. September 2004, 15:13
posten

Die IG Autorinnen Autoren hat nachweislich nie zu einem "Boykott" aufgerufen

Die IG Autorinnen Autoren hat nachweislich nie zu einem "Boykott" aufgerufen, sie hat in einem neutral gehaltenen Schreiben bei Kolleginnen und Kollegen angefragt, ob ihnen ihre Mitwirkung an diesem Projekt bekannt sei. Zur vollkommenen Überraschung der IG Autorinnen Autoren war den meisten ihre Teilnahme am "Austrokoffer" unbekannt. Es wäre aber doch das mindeste bei einem Projekt, das nicht scheitern will, zuvor mit denjenigen in Kontakt zu treten, die mitmachen sollen.

Die Frage, die sich weiterhin stellt, ist: Warum war und ist es bei einem offiziellen Projekt des Jubiläumsjahres 2005 nicht möglich mitzuteilen, welche Vorstellungen sich damit verbinden? Sollte es tatsächlich so sein, wie auf der Homepage nachzulesen ist, dass es sich um eine "patriotische Parallelaktion" unter der Patronanz des Bundeskanzlers und der redaktionellen Mitwirkung des Kunststaatssekretärs und seines Büroleiters handelt, so wird sich niemand, der die österreichische Literatur seit 1945 auch nur einigermaßen kennt, darüber wundern dürfen, wenn sich Autor/inn/en vereinnahmt fühlen und von ihrer Mitwirkung an einem solchen Projekt nichts wissen wollen.

Warum sollen sich deutsche Verlage, bei denen ein Großteil der Rechte der für den "Austrokoffer" vorgesehenen Texte liegt, ausgerechnet an einer "österreichischen patriotischen Aktion" beteiligen wollen? Wenn ein Objekt als "Koffer" bezeichnet werden soll, soll es eben "Koffer" heißen. Wenn es als patriotische Aktion beworben wird, wird es sicher zu seiner angepeilten Zielgruppe finden. Nicht möglich ist es aber, Romane zu Erzählungen umzudichten und Romanschriftsteller, die ausschließlich und seit Jahrzehnten als Romanschriftsteller bekannt sind, zu Erzählern umzufunktionieren.

Es ist nicht die Art der IG Autoren, Literatur zu verhindern, es ist ihre Art, für Veröffentlichungsumstände einzutreten, die ihr gerecht werden. Niemand wird daher von ihr zu einem Boykott aufgefordert oder vereinnahmt werden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.9.2004)

Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Auto- rinnen Autoren
Share if you care.