Tschetschenenführung: Keine Landsleute

6. September 2004, 09:23
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Die Terroristen sprachen untereinander inguschisch, berichtet ein Opfer - Russlands Geheimdienst sieht Verbindung zu tschetschenischer Al-Kaida-Gruppe

London/Moskau - Die jüngste Eskalation der Gewalt reißt alte Wunden zwischen den Nachbarvölkern im Nordkaukasus auf. Vieles deutet darauf hin, dass die meisten Geiselnehmer muslimische Inguschen waren. Über Tage verlautete von offizieller Seite, die Geiselnehmer in der nordossetischen Stadt Beslan seien eine Ansammlung von Tschetschenen, Inguschen, Russen und sogar einheimischen Osseten.

Dieser Version schenkten die Menschen in Beslan allerdings wenig Glauben. Sie hielten die Terroristen von Anfang an für eine Rebellenbande aus dem benachbarten Inguschetien. Die Terroristen hätten untereinander nur inguschisch gesprochen, soll eine der Geiseln nach ihrer Freilassung berichtet haben.

Auch die Tschetschenenführung stritt ab, dass es sich bei den Geiselnehmern um Tschetschenen gehandelt habe: "Die Geiselnehmer waren Inguschetier, Osseter, Russen, aber keine Tschetschenen", sagte der Sprecher von Tschetschenenführer Aslan Maschadow, Achmed Sakajew, dem britischen Fernsehsender Channel 4 am Freitag in London.

"Aber natürlich hatten ihre Forderungen alle mit Tschetschenien zu tun." Deshalb würden die Tschetschenen nun für alles verantwortlich gemacht werden, was geschehen sei. "Davor habe ich Angst." Bei dem Geiseldrama an einer Schule in Beslan starben nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur ITAR-TASS über 250 Menschen. Zehn der Geiselnehmer, so offizielle Stellen am Freitag, sollen arabischer Herkunft gewesen sein.

Al-Kaida soll Angriff finanziert haben

Der Geheimdienst sieht den tschetschenischen Rebellenführer Schamil Bassajew als Kopf der Geiselnahme, ausgeführt habe sie jedoch Feldkommandant Magomet Jewlojew, der unter dem Decknamen "Magas" agiert. Außerdem habe man Daten darüber, dass "die massenhafte Geiselnahme in Beslan von einem der Ideologen des Wahhabismus, Abu Omar As-Sejf" finanziert worden ist. Dieser Ideologe gehört zur Gruppe der Al-Kaida in Tschetschenien und verteilt die Geldflüsse aus dem Ausland.

Der etwa 25 Jahre alte Ingusche Magomet Jewlojew wuchs in Grosny auf. Nach Angaben des Innenministeriums in Inguschetien war Jewlojew während des ersten Tschetschenienkrieges in der Umgebung des Expräsidenten von Itschkerien, Selimchan Jandarbijew. Nach dem Abzug der russischen Truppen nach dem ersten Tschetschenienkrieg wurde er mit den Brüdern Achmadowy bekannt.

Vertrauter Bassajews

Einigen Angaben zufolge hat er für sie Leute in Inguschetien entführt und diese nach Tschetschenien verschleppt, um sie dann freikaufen zu lassen. Später diente Jewlojew einige Jahre in den Einheiten Schamil Bassajews, in letzter Zeit wurde er einer seiner engsten Vertrauten.

Er sei auch einer der Organisatoren des heurigen Überfalls auf Inguschetien in der Nacht auf den 22. Juni gewesen, schreibt die Agentur RIA-Novosti unter Berufung auf Sicherheitdienste in Nordossetien. Nach dem Überfall teilte der offizielle Vertreter des regionalen operativen Stabes zur Terrorbekämpfung im Norrdkaukasus, Ilja Schabalkin, mit, dass Jewlojew getötet worden sei. In Wirklichkeit wurde aber dessen Namensvetter getötet.

Jewlojew agiert immer unter dem Namen "Magas", was ungewöhnlich ist, da die Feldkommandanten der Rebellen gewöhnlich ihre Decknamen ständig wechseln. (dpa, sed, DER STANDARD, Printausgabe 4./5.9.2004)

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