Ein Brummton von Hass

9. September 2004, 22:43
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Alice Munros Erzählungen über trügerischen Frieden und plötzliche Implosionen

Alice Munro gehört zu den interessantesten kanadischen Autoren, aber erst auf den zweiten Blick. Ihre Romane und vor allem die Erzählungen wirken unspektakulär, verhalten. Es sind Alltagsgeschichten über lange Beziehungen, über Schicksale, die durch winzige Zufälle eine andere Wendung nehmen.

Wären die zwei boshaften Teenager nicht gewesen, die einer ältlichen Haushälterin gefälschte Liebesbriefe unterjubeln, wäre diese nie auf die Idee gekommen, sich voll Zuversicht um den angeblich verliebten Hallodri zu kümmern, der schließlich zum Vater ihres Kindes wird. Manchmal zehren scheinbar zufriedene Ehefrauen ein Leben lang davon, dass sie einmal an einem Nachmittag den Mut zum Seitensprung gefunden haben.

Der Gelegenheitsschürzenjäger Grant muss seine Frau ins Altersheim bringen, da ihre fortschreitende Demenz ständiger Betreuung bedarf. Aber die Frau, mit der er jahrzehntelang verheiratet war, entwickelt plötzlich ganz seltsame Vorlieben. Ein Lehrer wird von christlichen Fundamentalisten aus der Schule gemobbt, weil er Darwins Evolutionstheorie unterrichtet. Er verhöhnt die dumpfbackigen Kreationisten noch in einem Abschiedsgedicht vor seinem Selbstmord. Seiner Frau hinterlässt er keine einzige persönliche Zeile.

In Munros Erzählungen ist dem oberflächlichen Frieden zwischen den Geschlechtern nie zu trauen. Unvermutet blitzt eine sarkastische Bemerkung oder ein enthüllender Nebensatz auf, scharf wie eine Messerklinge: "unter ihrer Liebe lang ständig ein leiser Brummton von Hass". Aber das macht nichts, Hauptsache, das Haus ist gepflegt und der Vorgarten gemäht. Verwandtenbesuche entpuppen sich als Spaziergänge über getarnte Minenfelder, weil es so schwer fällt, das Vorspiegeln einer glücklichen Familie durchzuhalten. Das Selbstbild und das Fremdbild sind nie zur Deckung zu bringen. Man hat dauernd das Gefühl, dass die Figuren auf irgendeine explosive Katastrophe zusteuern - um dann festzustellen, dass die Implosion längst stattgefunden hat und einem die Trümmer der Lebenslügen schon um die Ohren fliegen. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.9.2004)

Von Ingeborg Sperl
  • Alice MunroHimmel und Hölle Neun Erzählungen Aus dem Englischen von Heidi Zernig.
381 Seiten. S. Fischer, Frankfurt/Main 2004.

    Alice Munro
    Himmel und Hölle
    Neun Erzählungen
    Aus dem Englischen von Heidi Zernig.
    381 Seiten.
    S. Fischer, Frankfurt/Main 2004.

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