Heiße Kehrseite

3. September 2004, 22:02
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Was Statistiken über attraktive Menschen sagen

Gegenüber einem ästhetischen Darwinismus, in dem weniger das Motto "survival of the fittest" als "survival of the prettiest" gilt, haben Untersuchungen der Lebensumstände von besonders attraktiven Menschen zwiespältige Ergebnisse gebracht. So genießen "schöne" Menschen zwar eine Reihe von Vorteilen, müssen aber auch - besonders wenn sie herausragend attraktiv sind - mit vielen Nachteilen fertig werden.

So registrierten Untersuchungen, dass "süße" Babys von ihren Eltern öfters und länger angelächelt werden, gut aussehende Kinder und Jugendliche mehr Freundschaften und oft auch mehr Sex haben und ihnen in Notsituationen bereitwilliger geholfen wird. Lehrer bewerten die Leistungen von Gutaussehenden besser, Ärzte widmen attraktiven Patienten mehr Zeit, Richter neigen zu milderen Strafen, Personalchefs zu einer Bevorzugung im Einstellungsgespräch.

Bei Personen mit sozial abweichendem Verhalten wurde andererseits mehrfach eine Häufung niedriger Attraktivitätswerte ermittelt. Eine Studie mit 1000 Testpersonen hat sogar eine Korrelation zwischen geringer Attraktivität und erhöhtem Blutdruck bei jungen Frauen ermittelt. Das wurde auf Bewertungsangst und Stressgefühle angesichts des eigenen Aussehens zurückgeführt. Zur Wiedereingliederung von Gefängnisinsassen wurde bereits auf den gezielten Einsatz von Schönheitschirurgie zurückgegriffen.

Diesen Befunden stehen die Kehrseiten der Schönheit gegenüber: So ergab eine Auswertung des faktischen Ansprechverhaltens in Clubs, dass attraktivere Frauen kaum oder gar nicht häufiger angesprochen wurden als weniger attraktive. Gut aussehende Frauen haben nur bei niedrigen und mittleren Jobs erhöhte Einstellungschancen. Die bestaussehenden Personen wurden bei einer Untersuchung in College-Wohngemeinschaften am eindeutigsten von ihren Mitbewohnern abgelehnt.
Gerade am oberen Ende der Attraktivitätsskala machen sich markante Negativaspekte bemerkbar. So wurden die stärksten sozialen Aussehensvorteile zwischen durchschnittlichem und markant unattraktivem Aussehen gemessen. "Ästhetische Diskriminierung betrifft zuallererst die negative Abweichung von der Mittelmäßigkeit", schreibt Winfried Menninghaus in seinem Band Das Versprechen der Schönheit. Selbst in diesen Fällen liegt die soziale Aussehensdiskriminierung allerdings "nur" in einem mittleren Bereich. (hil, DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.9.2004)

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    Der us-amerikanische Visagist Steve Erhardt, aufgenommen im Frühjahr 2002. Bereits 22 Mal hat sich der Perfektionist aus Los Angeles unter das Messer der Schönheitsärzte gelegt

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