"Schönheit wurde schon immer hergestellt"

3. September 2004, 21:02
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Die Theoretikerin Sigrid Weigel sprach mit Stephan Hilpold über schöne Wissenschaften, hässliche Kunst und Männer in Latzhosen

der Standard: Frau Weigel, für neodarwinistische Wissenschafter ist Schönheit der Effekt sexueller Selektion. (Siehe auch Artikel links.) Ist Schönheit eine Frage der Biologie?

Sigrid Weigel: Seit Darwin ist Schönheit ein Kriterium der Biologie. Wobei das ein sehr funktionaler Schönheitsbegriff ist. Darwin musste sein Evolutionsprinzip "survival of the fittest" revidieren, denn vor allem männliche Tiere fallen ja durch dafür unpraktischen Schmuck auf. Seine Lösung: Die Schönheit dient der sexuellen Wahl. So passen die Pfauenfedern in die Evolutionstheorie: "survival of the prettiest". Die Biologen heute versuchen Übereinstimmungen von Schönheits- mit Fruchtbarkeitsmerkmalen zu beweisen.

der Standard: Was spricht gegen diese biologistischen Argumente?

Das Ganze hat weniger mit Schönheit als mit Fruchtbarkeit zu tun. Die Anthropologie weiß seit langem, dass die menschliche Sexualität anders funktioniert als die tierische. Reproduktion ist nicht deren einzige Funktion. Die Menschheit beschäftigt ja heute weniger, wie sie sich am besten reproduziert; eher geht es um Empfängnisverhütung. Schönheitsideale werden weniger durch sexuelle Fruchtbarkeit bestimmt als durch die Bilder der Massenmedien.

der Standard: Viele Biologen argumentieren, dass es ein universales Schönheitsempfinden gibt. Würden Sie dem widersprechen?

Das ist sehr westeuropäisch gedacht. Tatsächlich gab und gibt es in Europa immer wieder eine Renaissance griechisch-antiker Schönheitsideale. Das zeigt die Kunstgeschichte, z.B. die Wiederentdeckung der Antike im 18. Jahrhundert. Doch gab es auch immer wieder Phasen mit ganz anderen Schönheitsidealen, denken Sie an die für heutige Augen unproportionierten Körper auf vielen Venusbildern der Renaissance: schmaler Oberkörper, breite Hüften. Wesentlich wichtiger sind aber die kulturellen Differenzen: Wenn man sich Schönheitsideale von afrikanischen Naturvölkern anschaut, sehen die ganz anders aus als europäische. In Asien hat der Schönheitsbegriff viel mit Ausgeglichenheit und Harmonie zu tun, während bei uns die Skulptur, die Körperform im Mittelpunkt steht.

der Standard: Schönheit gehörte in ihrer gesamten Geschichte zur Sphäre der Ästhetik, heute ist sie in die Sphäre des Alltags hinabgesunken. Wie kam das?

Daran sind die Künstler beteiligt. Die Postmoderne z.B. hat eine Antiästhetik entwickelt, so ein programmatischer Titel von Hal Foster in den 80er-Jahren. Der Schock, das Blut, die Fäkalien, der Schrott, der Abfall, das Hässliche und das Groteske, das sind Stichworte der Kunst in der Postmoderne. Dagegen hat sich eine Mode-, Konsum- und Designkultur entwickelt, die eine Vorstellung von Schönheit im Sinne von Norm und Harmonie übernommen hat.

der Standard: Sind Mode und Design die wahren Erben der klassischen Ästhetik?

So lässt sich das nicht sagen, sie sind Erben eines Schönheitsmodells, das mit Farbe, Form, Harmonie und Stimmigkeit zusammenhängt. Die Kunst hat dagegen subtilere ästhetische Konzepte entwickelt. Im 18. Jahrhundert wurde gegen Winckelmanns Konzept der stillen Einfalt und edlen Größe z.B. das Erhabene gesetzt, das im 20. Jahrhundert durch Lyotard, Barnett Newman und andere wieder entdeckt wurde. Das Erhabene ist eine Form der Schönheit, die den Schrecken in sich aufgenommen hat. Die harmonische und harmlose Schönheit wird in den Künsten z.B mit der Idylle, der Pastorale und der Genremalerei verbunden, also mit "niederen" Gattungen und der Darstellung des Profanen.

der Standard: Heute hat Schönheit für den Alltag eine Wichtigkeit wie noch nie zuvor in ihrer Geschichte.

Das hat mit der Konsumkultur zu tun und v.a. mit der Medienentwicklung, mit der Allgegenwart von Bildern, die in den Alltag eindringen. Und - das sollte man nicht vergessen - nicht nur dort, sondern auch in die Wissenschaft.

der Standard: Was meinen Sie damit?

Wenn man die Bilder aus der Gehirnforschung anschaut, z.B. die PET-Aufnahmen (Positronenemissions-Tomografien), dann sind das "schöne" Bilder, die sich an ästhetischen Normen aus der Malerei ausrichten. Dabei sind es eigentlich Messdaten, die in eine uns bekannte Ikonografie der Hirnform übertragen werden.

der Standard: Können wir dem Diktat der Schönheit überhaupt entkommen?

Die Frage ist, ob das erstrebenswert wäre. Denn auch die Antihaltung ist bestimmt durch die Schönheitsnorm. Wichtiger scheint mir, dass wir begreifen und lernen, auf welche Weise Schönheit hergestellt wird, um damit umgehen zu können. Schönheit ist ein Produkt.

der Standard: Schönheit ist heute oftmals das Produkt schwerer Arbeit. Für Kant war sie noch eine "Gunst der Natur". Ist es der Effekt einer demokratischen Gesellschaft, dass Schönheit für jeden zugänglich ist?

Schönheit wurde schon immer hergestellt, früher durch den eingeübten ästhetischen Blick, heute sind umfangreiche Technologien am Werk. Das hat natürlich auch negative Seiten: Jene, die sich dem Diktat der Schönheit blind unterwerfen, werden zu Opfern von Therapien, Diäten und Operateuren.

der Standard: Lange wurde Schönheit v.a. mit der Sphäre des Weiblichen verbunden. Heute müssen auch Männer "schön" sein. Können Frauen aufatmen?

Einerseits ja, denn gut gekleidete Männer sind angenehmer anzuschauen als solche in Latzhosen. Andererseits nein, denn der Jugendwahn und die Anti-Aging-Bewegung etwa üben auch heute einen immensen Druck auf Frauen aus.

der Standard: Im Bereich des Feminismus sind die Stimmen gegenüber einengenden Schönheitsidealen aber leiser geworden.

Diese Art von Trivialfeminismus habe ich nie geteilt. Schönheit hat ja auch mit Genuss zu tun. Die feministische Ideologiekritik von Schönheitsnormen hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Ich denke, dass die Frauenbewegung darüber hinweg ist und Formen entwickelt hat, mit Schönheit spielerischer umzugehen. Der Postfeminismus hat auch Freiheiten gegenüber feministischen Diktaten geschaffen. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.9.2004)


Sigrid Weigel ist Direktorin des Zentrums für Literaturforschung in Berlin und eine der profiliertesten feministischen Literaturwissenschafterinnen.
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