William Faulkner: "Die Freistatt"

3. September 2004, 22:48
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In einer Schwarzbrennerei fängt alles an, irgendwo im Hinterland am Mississippi. Ein Ort der Laster und der Lüsternheit, ...

Auch Schreibgenies haben eine Familie zu versorgen, und irgendwann spürt selbst ein seriöser Autor den Bestsellertrieb in sich, den Wunsch, einmal im Leben Tausende von Lesern zu erreichen und entsprechend viele Dollars abzukassieren.

Mit Schall und Wahn und Als ich im Sterben lag hatte der junge Faulkner sich kühn literarisch profiliert und die Regale der Buchhandlungen mit schwer verkäuflichen modernen Klassikern verstopft. Um von seinem Frust wegzukommen, wollte er nun alles riskieren, Sex & Crime, einen veritablen Schund-und Sensationsroman: Die Freistatt, ein Buch, das man dann, als es 1931 herauskam, gar nicht überall guten Gewissens verkaufen konnte - vor allem nicht in Oxford, Mississippi, der Heimatstadt des Autors.

Natürlich hatte Faulkners Freund Mac Reed ein paar Exemplare auf Lager in seinem Drugstore, aber wenn dann einer aus der Stadt wirklich eines kaufte, ließ er es sich vorsichtshalber eintüten - so wie man es mit dem Fusel machte, den man sich unter der Hand besorgte in der Prohibition. "Bist du eigentlich betrunken gewesen, als du das geschrieben hast?", fragte einer von Faulkners Cousins empört. "Nicht immer", war die Antwort.

In einer Schwarzbrennerei fängt alles an, irgendwo im Hinterland am Mississippi. Ein Ort der Laster und der Lüsternheit, wo alles möglich sein könnte. Und Faulkner bringt alles unter in seiner Geschichte: Morde, Vergewaltigungen, eine perverse Liebesbeziehung, die auf Nymphomanie und Voyeurismus beruht, ein Bordell in Memphis, am Ende ein fackelnder Lynchmob . . . Ein Mädchen verliert seine Unschuld, junge Männer sehen sich mit Impotenz konfrontiert, debile Hinterwäldler dienen der Korruption.

Das Ganze spielt sich in einer Trance ab, die das ganze Land erfasst zu haben scheint. Wo alle, die Helden und die Opfer, die Retter und Verderber das gleiche Verlangen nach Erlösung teilen. Es ist ein Buch jugendlicher Altersweisheit, die Geschichte eines Duells zweier unabhängiger Männer - eines jungen Anwalts und eines Zuhälters. Naive Unschuld oder die Lässigkeit des Bösen - gleich zu Beginn wird ein Showdown ausgesessen, so spannend und endlos wie in den Italowestern von Leone: Der eine hat ein Buch, der andere eine Pistole als Waffe bei sich.

Popeye zog aus seiner Hüfttasche ein verschmutztes Taschentuch und breitete es über seine Hacken. Dann hockte er sich hin und sah den Mann über die Quelle weg an. Das war etwa um vier Uhr an einem Nachmittag im Mai. Sie hockten da und sahen einander über die Quelle weg an, zwei Stunden lang. Hin und wieder sang der Vogel hinten im Sumpf, als sei er von einem Uhrwerk getrieben; zweimal noch kam das Geräusch unsichtbarer Autos auf der Landstraße heran und erstarb wieder. Und wieder sang der Vogel. ,Natürlich wissen Sie auch den Namen nicht', sagte der Mann über die Quelle hinüber. ,Ich glaube fast, Sie kennen überhaupt keine Vögel, wenn sie nicht grad in einer Hotelhalle im Käfig singen oder auf dem Teller vier Dollar kosten.' Popeye sagte nichts . . ."

Wild ist das Buch, aber auch ganz zärtlich mit seinen Figuren. Hollywood hat es gleich gekauft, machte "The Story of Temple Drake" daraus. Das war einer der Filme, die größte Bedenklichkeit erregten, kurz darauf führten die Studios in der Traumfabrik den Hays Code ein, ein frühes System der freiwilligen moralischen Selbstkontrolle. Der junge Autor aber war heiß und fand sich bald in Hollywood selbst als Drehbuchschreiber angeheuert. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.9.2004)

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