Wiener Staatsoper: Reiche Ernte eines Langzeitregenten

26. Dezember 2004, 22:21
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Mit "Falstaff" begann die Staatsopernsaison

Wien - September, Zeit des Wandels. Die Bäder schließen, die Opernhäuser öffnen - wenn auch, wie im Fall der Wiener Staatsoper, mit einem Schließtag. Ioan Holender, der Ewige, führt das renommierte Haus am Ring zum 13. Mal alleinverantwortlich in eine Spielzeit. Fünf weitere werden folgen. Publikum und Kulturpolitik goutieren den Kurs des musiktheatralischen Langzeitregenten: Die Auslastungszahlen des Hauses reichen souverän an die Wahlergebnisse von kommunistischen Parteitagen heran (zuletzt: 96,5 Prozent).

32 Dirigenten werden 71 Solistinnen und 113 Solisten, 143 Mitglieder des Staatsopernorchesters, 40 des Bühnenorchesters und 90 des Staatsopernchores dirigieren und solcherart in knapp 240 Vorstellungen die respektable Zahl von 47 Opern zur Aufführung bringen. Und als wäre das an veranstalterischer Potenz noch nicht genug, wird auch Nippon mit Wiener Sang beglückt: Die Staatsoper gastbespielt Japan in der ersten Oktoberhälfte mit Mozart.

Zu Saisonende wird Christian Thielemann an Wagners Finalwerk zu beweisen haben, ob sein Parsifal jenem von Simon Rattle im Jänner angeleiteten das Weihwasser reichen kann. Zur Saisoneröffnung sollte Fabio Luisi mit dem (lustigeren) Letztling von Wagners Antipoden Verdi erfrischen dürfen.

Der Italiener hatte das Staatsopernorchester, das nach Salzburg gerne an Antriebsschwäche leidet, schnell versammelt. Er koordinierte den filigranen Stimmenverkehr des Falstaff mit fast preußischer Exaktheit, führte die ständig tänzelnden, hoppelnden Tongeschöpfe Verdis mit feiner, aber strenger Hand.

Ständig tänzelte auch das spielfreudige Ensemble über die quietschbunte Bühne, und es sang dazu - so etwa Carlos Álvarez und Krassimira Stoyanova als Ehepaar Ford - ganz wunderbar fein. Der Scala-erprobte Ambrogio Maestri gab den Titelheld mit lässiger Gewitztheit, vokaler Delikatesse und Pracht. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.9.2004)

Von
Stefan Ender
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