Ständestaat ohne Zukunft

3. September 2004, 19:30
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Von der Mehrheit des Volks abgelehnt und mangels Hilfe von außen führte die "Dollfuß-Straße" in den Untergang

Als Dr. Kurt Schuschnigg am 29. Juli 1934 als neuer Kanzler des "Ständestaats" angelobt wurde, übernahm er eine Führungsaufgabe, die von vornherein wenig Hoffnung aufkommen ließ.

Die Bürgerkriege der vorhergehenden Monate hatten in der Bevölkerung Gräben des Hasses zurückgelassen, die Mehrheit der Österreicher lehnte das autoritäre Regime ab, die Massen der Arbeitslosen lebten in trister Hoffnungslosigkeit, und außenpolitisch war, wie sich bald zeigen sollte, auf den "Schutzherrn" Mussolini wenig Verlass.

Nicht genug damit, dass die Regierung sich weiter zum Zweifrontenkrieg gegen die aus der Illegalität agierende Opposition von Links und Rechts gezwungen sah, wurde sie auch durch die ständigen Reibereien im eigenen Lager, zwischen Christlichsozialen und Heimwehr, geschwächt.

Darüber konnte auch der pompöse Dollfuß-Kult als Versuch, ein mythisches Heldenvorbild aufzubauen, nicht hinweghelfen.

Noch ließ sich trotz deren Verstimmung auf die westlichen Demokratien bauen, als Hitler 1935 die Militärklausel des Versailler Vertrags zerriss, worauf Frankreich, England und Italien in Stresa die Unabhängigkeit Österreichs garantierten. Aber das war dann nur mehr ein Blatt Papier, als Mussolinis Abessinienkrieg zur "Achse" Rom-Berlin führte.

Schuschnigg nutzte die Chance, sich der Heimwehr zu entledigen, indem er die austrofaschistischen Wehrorganisationen durch die allgemeine Wehrpflicht ersetzte und sich selbst statt Starhembergs zum Führer der Vaterländischen Front (VF) erhob. Trotz aller Nachahmung faschistischer Formen ("Ein Vaterländisches Bilderbuch" von Robert Kriechbaumer, Böhlau-Verlag 2003, bringt dafür zahlreiche Beispiele) fehlte dem "Bundeskanzler und Frontführer" die Massenbasis, und das ganz besonders unter den jungen Menschen. Hatte doch selbst Starhemberg im Kabinett vor der Einführung der Wehrpflicht gewarnt, weil die einzuberufende Jugend "samt und sonders sozialistisch und nationalsozialistisch gesinnt" sei.

Durch die Zerstörung der Demokratie hatte sich das Regime innen- wie außenpolitisch der Möglichkeit beraubt, auf Dauer kraftvoll gegen die Bedrohung durch Hitlerdeutschland aufzutreten. Dass eine Aussöhnung mit der Sozialdemokratie für Schuschnigg nicht in Betracht kam, zeigte unter anderem der Hochverratsprozess, der 1936 gegen 28 linke Funktionäre geführt wurde; internationale Beachtung trug immerhin dazu bei, dass die Urteile nicht in der Härte gefällt wurden, die der Staatsanwalt gefordert hatte.

Schuschnigg sprach sich offensichtlich leichter mit den "Nationalen", zumal wenn es nicht die SA-Rabauken, sondern Honoratioren wie der Rechtsanwalt Seyß-Inquart und der Kriegsarchivchef Glaise-Horstenau, waren. Um nach Hitlers Rheinlandbesetzung eine Atempause für Österreich zu bekommen, suchte er durch das Juliabkommen 1936 die "Befriedung" durch eine Amnestie für viele Nazis und in der Folge die Errichtung eines "Volkspolitischen Referats" im Rahmen der VF. Die Wühlarbeit der illegalen Partei wurde dadurch aber keineswegs gebremst.

Schließlich schien Hitler die Zeit reif, Österreich zumindest ein Naziregime zu verpassen. Das persönliche Treffen Schuschniggs mit Hitler am 12. Februar 1938 in Berchtesgaden wurde zu einem Befehlsempfang, bei dem der Bundeskanzler die Bestellung Seyß-Inquarts als Innenminister akzeptieren musste. Der zögerliche Beschluss Schuschniggs, der Vereinnahmung Österreichs durch eine Volksabstimmung entgegenzuwirken, kam zu spät, die Annahme des Unterstützungsangebot der illegalen Linken blieb halbherzig. Das deutsche Ultimatum führte zum Ende des Ständestaats, das Schuschnigg mit dem "deutschen Wort" besiegelte, "Gott schütze Österreich". Und der Empfang Hitlers durch die, die ihn schon längst wollten, und die vielen anderen, die meinten, schlimmer könne es ohnedies nicht kommen, beschleunigte in rasendem Tempo den ohnedies längst beabsichtigten "Anschluss" - der zur Unterscheidung von dem erklärten Willen der Volksvertreter von 1918 nur einer in Anführungszeichen war. (Manfred Scheuch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 9. 2004)

  • Bundeskanzler Kurt Schuschnigg: Isoliert von der Welt und vom österreichischen Volk
    foto: der standard/vga

    Bundeskanzler Kurt Schuschnigg: Isoliert von der Welt und vom österreichischen Volk

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